Fazit: Nicht nur ein Sieg für Conchita

Blog mit Video11. Mai 2014, 16:23
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Österreich gewann. Eine Community gewann. Eine Haltung gewann. Europa gewann

Der Sieg von Conchita Wurst war kein österreichischer Sieg alleine. Österreich - oder besser der ORF - war mutig genug, eine Botschaft zum Eurovision Song Contest zu schicken, ein Statement abzugeben. Dieses Statement richtete sich unter anderem gegen zunehmende diskriminierende Gesetzgebungen in Russland, gegen lauter werdende Hassbotschaften, die es überall in Europa gibt, gegen kroatische und französische Demonstranten, die eine Gleichstellung homosexueller Partnerschaften im Eherecht durch Massendemos verhindern wollten, gegen rechtspopulistische Politiker oder die Alf Poiers dieser Welt, die perfid Trans- und Homosexualität niedermachen.

Conchita Wurst sagte das aber nie so. Sie betonte immer wofür sie eintritt, nicht wogegen. Ihre Botschaft in Kopenhagen war Liebe, Respekt und Anerkennung der Vielfalt von Lebens- und Liebesweisen, die alle inkludierte, völlig egal welche Geschlechtsidentität und welche sexuelle Orientierung, welcher Herkunft und welcher Hautfarbe jemand hat. 

Sieg für eine Lebenseinstellung

Sie trommelte die Botschaft, für die sich Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle und alle Heteros, die das genau so sehen, seit Jahren einsetzen. Somit konnte schlussendlich eine grundsätzliche Lebenseinstellung den Sieg davon tragen; dazu noch ein Land, ein wunderbares Lied und eine Künstlerin mit fantastischem Charisma und einer außergewöhnlichen Stimme. Ein Gesamtpaket eben. Die Facebook-Shitstormer und die Hassparolen-Prediger sind jedenfalls seit gestern Abend ziemlich schmähstad.

Der österreichische Beitrag wurde zunächst als ein erneutes Beispiel der „Freakshow" namens Eurovision Song Contest wahrgenommen. Dann aber eroberte Tom Neuwirth in seiner Schöpfung, der Kunstfigur Conchita Wurst, die Herzen aller Fans vor Ort. Ich persönlich habe so etwas noch nie bei einem Song Contest so erlebt.

Aber natürlich stellten sich hier viele die Frage, ob der Zuspruch nicht eher einer der „Eurovision-Fan-Bubble" sei, und dass Conchita Wurst in den Wohnzimmern von Minsk bis Lissabon eher nicht so begriffen werden könnte. Doch das tat sie. Und wie. Sie räumte nicht nur Jurypunkte, sondern vor allem bei den Publikumsvotings ab. Auch in Russland, Aserbaidschan oder Georgien. Der Grund ist ein simpler: Beim Eurovision Song Contest kann man nicht gegen einen Act abstimmen, sondern nur für einen. Und Conchita machte auch vielen Menschen in diesen Ländern Mut: Sei das, was du bist und lass dich von niemandem stoppen. Du wirst wie ein Phönix aus der Asche aufsteigen.

Als offen schwuler Mann kann ich Conchita Wurst dafür gar nicht dankbar genug sein.

Kopenhagen 2014

Der Eurovision Song Contest 2014 wird mit dem Sieg Conchitas in die Geschichte eingehen. Die Medienvertreter, -vertreterinnen und Fans werden sich auch an den vermutlich schlechtesten organisierten Bewerb der letzten Jahre erinnern. Das Catering in der Halle war für die dort Arbeitenden nicht zu genießen, Kaffee, der diesen Namen nicht verdiente und ein Transport-System, das ziemlich versagte. Aber all diese Ärgernisse verblassen jetzt natürlich. Zurecht.

Denn Kopenhagen war eine gastfreundliche und tolle Stadt. Das Song Contest-verrückte Skandinavien zeigte sich (wieder einmal) von seiner besten Seite. Eine deutsche Studie fand einmal heraus, dass Fans des Bewerbs meist gut gebildete, weltoffene, an Sprachen und Kulturen interessierte Menschen sind. Denn Eurovision-Fans reisen ja nicht nur jedes Jahr zu ihrem Lieblingsevent, sondern der Event ist immer auch Anlass eine Stadt, ihre Bewohner, ihre Kulinarik, ihre Kultur und ihr Land kennenzulernen.  In unserem Fall zum Beispiel das Städtchen Roskilde, etwa 30 Kilometer von Kopenhagen entfernt:

Österreich 2015

Wo die größte Musikshow der Welt 2015 stattfinden wird, ist noch unbekannt. In Kopenhagen hoffen alle auf Wien. Die Herausforderungen sind für den ORF und für die austragende Stadt enorm. Aber man darf auch nicht vergessen: Die Tourismuswerbung vor etwa 150 Millionen Zuschauer ist unbezahlbar. Die Wertschöpfung mit den vielen Anreisenden enorm. Ich freue mich schon, einer von acht Millionen Gastgebern dieses Events zu werden. (Marco Schreuder, derStandard.at, 11.5.2014)

Marco Schreuder, 1969 in den Niederlanden geboren, ist seit 1976 Eurovision-Song-Contest-Fan. Gerade erst nach Österreich übersiedelt, begeisterten ihn die Bilder vom Austragungsort 1976. Denn in Den Haag lebten seine Großeltern. Seitdem ist er standhafter Europäer und Eurovision-Fan und hat keinen einzigen Song Contest ausgelassen. Im Brotberuf sitzt er für die Grünen im Bundesrat und ist Einzelunternehmer. Als Letzterer war er im Team von Nadine Beiler in Düsseldorf 2011 dabei. Sein Lieblingsbeitrag aller Zeiten: Alice & Battiato, "I treni di Tozeur", Italien 1984. Für derStandard.at ist er bereits seit dem den Song Contest 2012 in Aserbaidschan dabei und bloggt auch heuer in Kopenhagen wieder vor Ort mit Alkis Vlassakakis, der filmt und fotografiert.

Nachlese
derStandard.at kommentierte das Finale am Samstag live.

  • Artikelbild
    foto:alkis vlassakakis
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