Ein Akt der Verzweiflung

12. Mai 2014, 05:30
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Eine fehlende Rechnung, ein verschwundener Akt, eine falsch ausgestellte Sterbeurkunde und eine überhöhte Rechnung der Wiener Bestattung. Kurt Palm über das, was nach dem Selbstmord seines Bruders passierte

"... konnte von uns gesehen werden, dass im Wald eine männliche Leiche an der Astgabelung einer Weißbuche in einer Höhe von ca. 3 Metern hing. Diese Person hatte sich an einem weißen Nylonseil offensichtlich erhängt. Auf dem Weißbuchenbaum hing an einer anderen Astgabelung in einer Höhe von ebenfalls 3 Metern ein Plastiksackerl, in dem eine rote Stirnlampe und eine Rechnung über das Nylonseil vorgefunden werden konnte."

So steht es im Protokoll "Leiche. Akt durch Boten mit Teildeposit Nr. 29/14", das vom Stadtpolizeikommando Ottakring angefertigt wurde, nachdem in den frühen Morgenstunden des 16. Jänner 2014 die Leiche meines Bruders Reinhard im Schwarzenbergpark in Neuwaldegg gefunden worden war. In diesem Protokoll wurde auch vermerkt, dass "der Bruder des Verstorbenen erhoben werden konnte, und die Verständigung durch die Polizeiinspektion Kandlgasse versucht werde." Von Reinhards Tod erfahren habe ich allerdings erst um 16 Uhr durch einen Telefonanruf meines Neffen aus Zürich. "Kurt, Kurt, es ist etwas Schreckliches passiert. Der Papa ist tot."

Tagebuch gefunden

Da die zuständige Sachbearbeiterin im Kommissariat Ottakring nach 16 Uhr nicht mehr erreichbar war, erfuhr ich erst am nächsten Tag, dass die Polizei in der Wohnung meines Bruders neben fünf Abschiedsbriefen auch ein Tagebuch gefunden hatte.

"Was für ein Tagebuch?", fragte ich.

"Es sind neun ausgedruckte Seiten, aus denen hervorgeht, dass ihr Bruder seinen Selbstmord wohl schon länger geplant hat."

"Aber ich habe doch noch gestern mit ihm telefoniert. Ich verstehe das nicht. Wo ist das Tagebuch jetzt?"

"Es befindet sich bei uns und ist auch bereits an die Staatsanwaltschaft gefaxt worden."

Ohne lange zu überlegen, fuhr ich nach Ottakring ins Kommissariat, um Einblick in das Tagebuch zu nehmen. Im Büro lief Ö3, und während eine Beamtin zum Katy-Perry-Song Roar mitsummte, erklärte mir die Sachbearbeiterin, dass ich umsonst gekommen sei. "Ich darf Ihnen das Tagebuch nicht zeigen, weil es ein Beweismittel ist."

"Aber mein Bruder hat Selbstmord begangen, und morgen kommen seine Witwe und seine Kinder nach Wien. Wir müssen doch wissen, was in dem Tagebuch steht."

Sie schüttelte den Kopf. "Tut mir leid, aber ich darf Ihnen das nicht zeigen."

"Wie sind Sie überhaupt in die Wohnung gekommen?"

"Ihr Bruder hatte einen Schlüssel bei sich."

"Und ich darf das Tagebuch nicht sehen?"

"Nein, weil es ein Beweismittel ist. Sie können ja am Montag bei der Staatsanwaltschaft um Einsicht ersuchen."

"Aber Sie haben das Tagebuch gelesen?"

"Ja, weil ich die zuständige Sachbearbeiterin bin."

"Und Sie glauben, dass mein Bruder das Tagebuch für Sie geschrieben hat?"

"Nein, aber es ist ein Beweismittel."

"Und in dem Tagebuch steht, dass er seinen Selbstmord schon seit Längerem geplant hat?"

"Ja, und dass er sich im Baumax einen Strick gekauft hat."

Im Radio lief in der Zwischenzeit der neue Hit von Macklemore: "And we danced, and we cried and we laughed, and had a really, really, really good time."

Die zweite Beamtin betrachtete in einem Handspiegel ihre frisch gefärbte Haarsträhne und lächelte zufrieden.

"Verzweiflung, Ohnmacht, Schmerzen, Ausweglosigkeit"

"Das gibt es ja alles gar nicht", sagte ich. "Verstehen Sie, drei Tage vor seinem Tod war mein Bruder noch bei uns zum Essen, und wir haben uns für kommenden Sonntag verabredet. Morgen ist Samstag, da kommen seine Frau und seine beiden Kinder aus Zürich. Was soll ich denen sagen? Dass sie am Montag zur Staatsanwaltschaft gehen sollen, um Einsicht in das Tagebuch zu nehmen? Kann ich nicht wenigstens einen Blick hineinwerfen?"

Die Beamtin überlegte kurz, und nachdem ich keine Anstalten zum Gehen machte, seufzte sie. "Okay, ausnahmsweise, aber Sie dürfen nichts abfotografieren." Während Macklemore "Take my hand, let's have a blast and remember this moment for the rest of our lives" sang, überflog ich das Tagebuch und war geschockt. Die Worte "Verzweiflung, Ohnmacht, Schmerzen, Ausweglosigkeit" notierte ich mir auf einen Schmierzettel.

Am nächsten Tag trafen die Witwe und die beiden Kinder meines Bruders ein, und wir gingen gemeinsam mit meiner Schwester in Reinhards Wohnung. Auf dem Schreibtisch lagen fünf Briefe: einer an seine Familie; einer an meine Schwester und an mich; einer an das Konservatorium mit den Zeugnissen für seine Schauspiel-StudentInnen; einer an einen Oberarzt des AKH und einer an dessen Vorgesetzten.

Alle Briefe waren offen. Wir lasen sie, und uns dämmerte langsam, was in den letzten Wochen passiert sein musste. Nach einer katastrophal verlaufenen Pilgerreise auf den Mount Kailash in Tibet, von der uns Reinhard erzählt hatte, dürfte er im AKH an einen Arzt geraten sein, der ihm versprach, ihn gegen ein Honorar von 3000 Euro von seinen "Schmerzen" zu befreien.

Dieser Arzt hatte meinem Bruder geraten, in einem Institut namens Vienna International Medical Clinic (VIMC) einen "Routineeingriff" durchführen zu lassen. Das Argument des Arztes: Im AKH würde man solche Eingriffe nicht machen, und nach zwanzig Minuten wäre die Sache erledigt. Kostenpunkt: 3000 Euro ohne Rechnung. 3600 Euro mit Rechnung.

Auf Wiederhören

Da mein Bruder keine Zusatzversicherung hatte, entschloss er sich für die erste Variante. Der Eingriff wurde dann Anfang Dezember - gegen Barzahlung im Voraus - tatsächlich in der VIMC durchgeführt, während die fünf Nachuntersuchungen wieder im AKH gemacht wurden.

Wenige Wochen später wurde der Oberarzt vom AKH fristlos entlassen, weil er diese OP gar nicht hätte machen dürfen. Aber das konnten wir zu dem Zeitpunkt, als wir die Briefe lasen, natürlich noch nicht wissen.

Am Montag in der Früh rief ich bei der Staatsanwaltschaft an, um zu fragen, wer für den Fall zuständig sei. Nach endlos vielen Telefonaten sagte mir die Journalanwältin, dass sie den Akt bereits abgegeben habe. An wen, wusste sie nicht. "Rufen Sie in einer Stunde wieder an, dann sollte der Akt im System sein."

"Aber es geht darum, dass die Freigabe der Leiche gestoppt wird", sagte ich. "Haben Sie das Tagebuch meines Bruders nicht gelesen? Ich dachte, das sei ein Beweismittel?"

"Ich habe es nicht gelesen, außerdem habe ich mit dem Fall nichts mehr zu tun. Auf Wiederhören."

Eine Stunde später wurde ich zwischen Vermittlung, Einlaufstelle und Journaldienst hin und her verbunden, wobei mir eine ausgeleierte Tonbandstimme immer wieder versicherte, dass man um mein Anliegen bemüht sei. Dazu erklang Kaufhausmusik, die wohl für gute Laune sorgen sollte.

Es dauerte eine weitere Stunde, bis ich endlich mit der Kanzlei der zuständigen Staatsanwältin verbunden wurde.

"Die Frau Staatsanwältin ist gerade nicht in ihrem Zimmer."

"Wo ist sie denn?"

"Das weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist sie irgendwo im Haus unterwegs."

"Aber es ist wichtig. Können Sie ihr etwas ausrichten?"

"Nein, das machen wir grundsätzlich nicht. Aber Sie können ihr ja ein Fax schicken."

"Ein was?"

"Ein Fax."

"Aber ich habe gar kein Faxgerät."

"Dann rufen Sie in einer Stunde wieder an."

Da ich nicht so lange warten wollte, fuhr ich kurzerhand ins Landesgericht und fühlte mich sofort an Kafkas Prozess erinnert.

Vorher geht das nicht?

Mein Ziel lag im Alser-Straßen-Trakt im dritten Stock in der Nähe der zweiten Stiege ganz hinten auf der linken Seite. Nach langem Suchen fand ich schließlich das Büro der zuständigen Staatsanwältin, der ich den Brief meines Bruders zu lesen gab. "Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt, was er schreibt, aber wir möchten gerne, dass seine Leiche obduziert wird."

"So einfach ist das nicht", antwortete sie, aber nachdem sie das Tagebuch überflogen hatte, erklärte sie sich immerhin bereit, die Freigabe der Leiche zu stoppen. "Ich lege jetzt einen neuen Akt an, der wird einem Staatsanwalt zugewiesen, und dieser wird dann entscheiden, ob die Leiche obduziert wird."

"Das können nicht Sie machen?" Sie schüttelte den Kopf und deutete auf die zweite Seite des von ihr angefertigten Protokolls, wo am Ende in fettgedruckten Großbuchstaben "EILT!" stand.

"Wie lange wird das dauern?"

"Wenn Sie in zwei Tagen um die Mittagszeit beim Servicecenter anrufen und die neue Aktenzahl durchgeben, können die Ihnen sofort sagen, welcher Staatsanwalt den Akt bearbeitet."

"Und wann können die Angehörigen das Tagebuch meines Bruders lesen?"

"Erst, wenn der Akt dem neuen Staatsanwalt zugewiesen wurde."

"Vorher geht das nicht?"

"Nein."

So einfach ist das nicht

Anschließend traf ich mich mit der Witwe und den Kindern meines Bruders sowie mit meiner Schwester beim Notar, der für die Verlassenschaftsabwicklung zuständig war. Er erklärte uns, dass die Gegenstände, die mein Bruder bei sich hatte, beim Kommissariat in Ottakring abgeholt werden könnten. Mich interessierte besonders die Rechnung über das Seil, weil ich wissen wollte, wann es mein Bruder gekauft hatte. Die Vorstellung, dass er bei uns zum Essen war, während zu Hause bereits das Seil lag, fand ich nämlich erschreckend.

Auf unerklärliche Weise

Am Abend erfuhr ich von meinem Neffen, dass im Kommissariat Ottakring die Rechnung über das Nylonseil verschwunden war. "Kurt, du glaubst nicht, was wir da erlebt haben. Wir sind in ein Zimmer gekommen, das voll war mit Plüschtieren und Katzenfotos, und die Beamtin hat uns gesagt, dass die Rechnung offenbar weggeworfen wurde. Und weißt du, was sie gefragt hat: 'Hätten sie die leicht gebraucht?'"

Nachdem die Rechnung nicht mehr auftauchte, wandten wir uns an eine Rechtsanwältin, die sich direkt mit der Baumax-Zentrale in Verbindung setzte.

Da ich mir sicher war, dass mein Bruder das Seil in der Filiale im 17. Bezirk gekauft hatte, bekamen wir zwei Tage später die Mitteilung, dass in dieser Filiale am 13. Jänner um 12.03 Uhr tatsächlich ein entsprechendes Nylonseil gekauft worden war. Am Vorabend war Reinhard noch bei uns zum Essen gewesen, und obwohl er einen nachdenklichen Eindruck gemacht hatte, hätten wir nie geglaubt, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen hatte, seinem Leben ein Ende zu set- zen.

Am nächsten Tag waren wir bei der städtischen Bestattung, deren Angestellten unsere emotionale Ausnahmesituation sofort schamlos ausnutzten und für die Organisation der Verabschiedungsfeier in der Aufbahrungshalle des Dornbacher Friedhofs gleich einmal 3146 Euro im Voraus verlangten.

Dabei ging es nicht einmal um ein Begräbnis, sondern um eine einfache Zeremonie ohne Sarg, weil die Leiche ja noch gar nicht freigegeben war. Später stellte sich heraus, dass die Wiener Bestattung nicht nur völlig überhöhte Preise verlangte, sondern auch Geld für Leistungen verrechnete, die von ihr gar nicht erbracht wurden. So wurde weder ein Sarg in die Aufbahrungshalle "verbracht", noch war dort ein "Organist" anwesend. Erst, nachdem sich unsere Rechtsanwältin eingeschaltet hatte, erklärte sich die Bestattung widerwillig bereit, ein Drittel des bereits bezahlten Betrags zurückzuerstatten.

Auf der Homepage der Bestattung Wien wird übrigens stolz darauf hingewiesen, dass das Unternehmen "das Zertifikat für Qualitätsmanagement, die ISO 9001:2000", führt.

Wenige Wochen später, als die Urnenbeisetzung meines Bruders in Zürich stattfand, staunten wir nicht schlecht, als wir erfuhren, dass in Zürich die Kosten für ein Begräbnis zur Gänze von der Stadt übernommen werden.

Wie von der Staatsanwältin vorgeschlagen, rief ich dann am Mittwoch um 14 Uhr beim Servicecenter der Staatsanwaltschaft an und erfuhr, dass unter der von mir genannten Zahl gar kein Akt existierte. Ich glaubte das nicht und ließ mich mit der Staatsanwältin verbinden, die mir diese Information allerdings bestätigte. "Ja, es tut mir leid, aber der Akt ist leider verschwunden."

"Bitte was? Wie kann es das geben? Sie haben doch den Akt vor meinen Augen in das System eingegeben. Und Sie haben mir auch gesagt, dass die Obduktion vom zuständigen Staatsanwalt heute angeordnet wird."

"Ja, schon, aber ich weiß auch nicht, was da genau passiert ist. Tatsache ist, dass der Akt nicht im System ist."

"Und wo ist der Akt jetzt?"

"Das weiß ich nicht."

"Mein Bruder hat sich das Leben genommen, und Sie sagen mir, dass der Akt nicht auffindbar ist."

Wir warten bis heute

"Ich werde sofort einen neuen Akt anlegen, dann sollte er am Freitag im System sein."

"Und was ist mit dem Tagebuch? Meine Schwägerin und ihre Kinder hatten noch immer keine Möglichkeit, in dieses Tagebuch Einsicht zu nehmen."

"Der Akt wird sicher wieder auftauchen, dann sollten Ihre Verwandten am Freitag auch die Möglichkeit haben, Einsicht in das Tagebuch zu nehmen."

Mehrere Versuche, bei der Leiterin der Staatsanwaltschaft Auskunft über die Zustände in ihrem Haus zu erhalten, schlugen fehl. Am Telefon hieß es immer nur: "Wir sind um Ihr Anliegen bemüht."

In der Zwischenzeit mussten vom Amtshaus im 17. Bezirk drei verschiedene Sterbeurkunden ausgestellt werden, weil einmal die Kopie der Promotionsurkunde meines Bruders auf "unerklärliche Weise" verschwunden war, und man ein anderes Mal die französische Heiratsurkunde irrtümlicherweise weggeworfen hatte. Dabei wurden mein Neffe und ich Zeugen, wie zwei Beamtinnen in einem riesigen Müllcontainer erfolglos nach diesem Dokument suchten. Jede neue Sterbeurkunde musste selbstverständlich extra bezahlt werden.

Dass der vom Bezirksgericht Hernals ausgestellte Einantwortungsbeschluss ein falsches Geburtsdatum und eine falsche Anschrift enthielt, wunderte uns am Ende genauso wenig wie die Tatsache, dass dafür 71 Euro in Rechnung gestellt wurden.

Der Versuch, telefonisch eine Auskunft in dieser Angelegenheit zu erhalten, schlug fehl, da beim Bezirksgericht Hernals die Verbindung nach 16 Minuten in der Warteschleife automatisch unterbrochen wird. Auf den korrekten Einantwortungsbeschluss warten wir trotz mehrerer schriftlicher Urgenzen bis heute.

Als ob eine weggeworfene Rechnung, ein verschwundener Akt, eine falsch ausgestellte Sterbeurkunde, ein fehlerhafter Einantwortungsbeschluss und eine völlig überhöhte Rechnung der Wiener Bestattung nicht schon gereicht hätten, wurde uns am Ende von der Polizei auch noch ein falscher Baum gezeigt.

Erst nachdem mein Neffe die Fotos am Institut für Gerichtsmedizin mit jenem Baum verglichen hatte, der uns von der Polizei gezeigt wurde, stellte sich heraus, dass sich mein Bruder an einem anderen Baum erhängt hatte. (Kurt Palm, DER STANDARD, 10.5.2014)


Kurt Palm, geboren 1955 in Vöcklabruck, studierte Germanistik an der Universität Salzburg und lebt als Autor und Regisseur in Wien. 1989 gründete er in Wien die legendäre Theatergruppe "Sparverein Die Unz-Ertrennlichen", die 1999 wieder aufgelöst wurde. 2011 wurde "Bad Fucking" im Linzer Phoenix-Theater uraufgeführt. Zuletzt erschienen "Die Besucher" (Residenz-Verlag, 2012) und "Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini. Kein Spaghetti-Western (2014). Sein Film "Kafka, Kiffer und Chaoten" läuft zurzeit im Kino.

  • "Rufen Sie in einer Stunde wieder an, dann sollte der Akt im System sein."
    foto: apa/robert parigger

    "Rufen Sie in einer Stunde wieder an, dann sollte der Akt im System sein."

  • Land der Aktenberge: "Mein Bruder hat sich das Leben genommen, und Sie sagen mir, dass der Akt nicht auffindbar ist."
    foto: apa-photo: pool/harald schneider

    Land der Aktenberge: "Mein Bruder hat sich das Leben genommen, und Sie sagen mir, dass der Akt nicht auffindbar ist."

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