Votivkirchen-Flüchtlinge: Freispruch für Unterstützerin

9. Mai 2014, 17:13
51 Postings

Eine 48-Jährige soll im Vorjahr versucht haben, die Festnahme eines Votivkirchen-Flüchtings zu verhindern, indem sie einen Polizisten attackierte. Ein Tonmittschnitt beweist das Gegenteil

Wien – Selbst für eine Angeklagte ist Ursula N. ungewöhnlich nervös. Ständig knetet sie ihre kleine Plüschgiraffe, sucht im Publikum nach vertrauten Gesichtern, hört manche Äußerungen von Richter Thomas Kreuter nicht. Es ist verständlich: Der 48-jährigen unbescholtenen Angeklagten drohen am Straflandesgericht Wien bis zu drei Jahre Haft.

Die Staatsanwältin wirft ihr vor, am 28. Februar 2013 vor der Votivkirche die Festnahme eines Flüchtlings behindert zu haben, indem sie einen Zivilpolizisten nach hinten riss und ihn an der Schulter verletzte. Die Anklage: Schwere Körperverletzung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Sachbeschädigung – die Jacke des Beamten zeriss.

Polizist in Zivil

N. bleibt am dritten Verhandlungstag bei ihrer Verantwortung: Sie habe den Polizisten nicht berührt und auch überhaupt nicht gewusst, dass der ein Exekutivorgan ist. Sie habe nur registriert, dass ein Zivilist einen Bekannten zu Fall brachte und dann am Schal wieder hochzog.

Für Verteidiger Harald Karl ist ein damals entstandener Tonmittschnitt eines Dokumentarfilmers das entscheidende Mittel, die Unschuld seiner Mandantin zu beweisen. Auf dem 70-Sekunden-Clip ist zu hören, wie plötzlich eine Frau beginnt, "Warum machen sie das?" und "Lasst mich los!" zu schreien. Davon, dass jemand dreimal "Halt! Polizei!" ruft, wie der Beamte sagte, findet sich dagegen kein Ton.

Zweifel am Ablauf

Für Kreuter ist der Fall klar: "Es bleiben hinsichtlich des Ablaufs und des schuldhaften Verhaltens Zweifel." Wie sich der Beamte verletzte, könne man nicht mehr feststellen: Ein rechtskräftiger Freispruch. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 10.05.2014)

  • Monate harrten die Flüchtlinge in der Votivkirche aus. Eine Unterstützerin der Aktivisten muss über ein Jahr später vor Gericht.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Monate harrten die Flüchtlinge in der Votivkirche aus. Eine Unterstützerin der Aktivisten muss über ein Jahr später vor Gericht.

Share if you care.