Angedönst und aufgefüttert

Kolumne9. Mai 2014, 17:44
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Ein Lokal mit Verführungskräften

Manche Wege sind dazu geschaffen, sich irgendwann zu kreuzen. In den besten Fällen sind solche Begegnungen so beschaffen, dass man ihnen gar nicht ausweichen möchte. In meiner Nachbarschaft hat so ein kleines, unausweichliches Lokal eröffnet. Eines, auf das ich noch gewartet habe, als ich noch gar nicht wusste, dass ich darauf warte.

Als das winzige "Gedöns", betrieben von Wenke Pond und Albert Scoma, dann endlich da war, wusste ich erst, wie sehr ich darauf gewartet hatte. Wenn mich schon die Touristenströme um das Hundertwasserhaus herum täglich an so manche Venedig-Situation erinnern, so haben wir jetzt wenigstens auch den entsprechenden Espresso dazu, einen, der sofort vergessen lässt, in Wien zu sein.

Mit Augen zu und Nüstern offen ist man augenblicklich in Italien. Ungeschaut. Das Wasser der Lagune fehlt vorläufig, aber daran arbeiten wir noch. BiennaleGefühl stellt sich auch ein, wenn man im Lokal drinsitzt. Wenke ist Künstlerin. Die Wände tragen wechselnde Ausstellungen ihrer Arbeiten, Setzkästen mit absurden Figuren, etwa unheimliche halbzersetzte Bären mit großbürgerlicher Tapete im Hintergrund oder üppiger Blumenkitsch mit zu einer Art Cremaster-Mandala grafisch angeordneten Barbiebeinparade samt güldener Riesenvagina und Beleuchtung.

Zugegeben, für manche Besucher des liebevoll gestalteten Lokals vermutlich eine kleine Herausforderung und ein gewisser Bruch zur cremefarbenen eleganten Bar und den geblümten Stoffkissen auf der Sitzbank. Aber aufrichtig.

Gekocht wird Unterschiedliches, von einer unvergesslichen Spargelsuppe mit Erdbeerstückchen bis über Paradeis-Ricottatarte, Nudelgerichte, Bärlauchknödel, Fischlaibchen, Curries, Kichererbseneintöpfe, alles das mit saisonalen Produkten. Und oft wechselnde Kuchen, die meine gesamten Abspeckpläne und sogar bereits erzielte Erfolge ins Wanken bringen; weiße Schoko!Mohn!Cranberry! oder Orangen!Schoko!Mandel! etwa. Fies.

Wirklich fies sind die in ihrer Verführungskraft, gegen die Marilyn Monroe leider einpacken kann. Ich würde diesen Kuchen auf dem Lüftungsschlitz im selben Augenblick bevorzugen, in dem er dort neben der geschickt positionierten Sexikone von wohlmeinenden Händen platziert worden wäre.

Nebenan malt Wenke im selben Atelier, in dem auch ich gemalt habe, bevor ich dem Bildhaften abschwor. Und unsere Kindheiten haben wir im Kommunismus verbracht: sie in der DDR, ich in Leningrad. Gelandet sind wir beide in Wien. Das Lokal wirkt denn auch wie ein innovativer Hybrid aus mehreren Welten. Hier trifft man Fremde, die bald keine mehr sind, Hunde und Nachbarn. Also Hunde nicht immer. Kuchen schon. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 10./11.5.2014)

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