Was im Job wirklich erschöpft

22. Mai 2014, 14:00
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Gespräche am Nebentisch, dauerndes Vorbeigehen, die Gefühle der Kollegen: Wir müssen permanent "Störgeräusche " ausblenden und wegfiltern

Wenn wir uns in einem lauten Lokal mit einer Person unterhalten wollen, dann können wir uns so auf das, was sie sagt, konzentrieren, dass wir die störenden Nebengeräusche ausblenden können. Dies ist eine hohe Leistung des menschlichen Gehirns und braucht extra Energie. Deswegen bekommen wir beim langen Verweilen in solchen Räumlichkeiten Kopfschmerzen, deutliche Zeichen einer Überlastungsreaktion.

Die mehr oder weniger beliebten Großraumbüros sind nicht unbedingt immer solche Lärmmaschinen, aber Informationen, die ausgeblendet werden müssen, gibt es dort genug. Wir müssen ja nicht nur Stimmen oder Telefonläuten, Kopierer- und Druckergeräusche wegfiltern, sondern auch die Inhalte der Kommunikation von den Nebentischen.

Und: Menschen haben immer noch ein unbewusstes Schutzbedürfnis, und nur wenige fühlen sich im Zentrum wohl. Gut beobachtbar zu sein ist vielen Menschen unangenehm. In modernen Büros setzt sich mehr und mehr der Trend der "offenen Büros" durch: schick, aber unpraktisch. Das Wissen um die Bürosituation gibt dem Gehirn den Befehl, diese zusätzlichen Informationen nicht mehr ins Bewusstsein durchzulassen, sondern sie genauso auszufiltern.

Auch Emotionen sind ansteckend

Solches Ausfiltern ist immer eine hohe Arbeitsleistung, durch die Ressourcen für anderes knapper werden. Beim Gehirn kommt aber noch der Umstand dazu, dass die Energieversorgung nicht kontinuierlich ist, weshalb wir Menschen dadurch erschöpfen. Wir haben aber noch einen weiteren Informationspool, aus dem wir verdrängen dürfen: Emotionen sind ebenso ansteckend wie das Gähnen.

In welchen Arbeitsfeldern finden sich solche Kombinationen? In Schulen, Krankenhäusern, Großraumbüros, in der Gastronomie, im Verkauf, in Supermärkten. Und (oh Wunder) da sind auch die darunter, bei denen die Burnout-Raten bekannterweise recht hoch sind.

Was also kann getan werden? Nun, je intensiver die Einwirkung eines oder mehrerer diese Faktoren, umso mehr ist es notwendig, diese selbst zu reduzieren. Es gibt keine dauerhaft wirksamen Entspannungsverfahren, die eine hohe emotionale Belastung durch andere Menschen zusätzlich zur daraus resultierenden Stresskaskade im Gehirn wirksam und ohne Schädigung reduzieren können.

Krankmachende Umstände

Die einzige Anpassung des Gehirns an solche Situationen ist die Erkrankung. Nicht gleich, nicht spektakulär, bei jedem etwas anders im Verlauf und im Auftreten, aber wenn wir uns statistisch erfasste Erkrankungsmuster Älterer anschauen, doch recht sicher.

Hier braucht es klare Strukturreformen, deutliche Entschärfung von überfordernden Bedingungen, Neuordnung von Prozessen und nicht das Beharren auf dem berühmten "Das war schon immer so, das hat uns auch nicht geschadet" (?). Es wird Zeit, dass die Erkenntnisse der immer genaueren Untersuchung krankmachender Umstände endlich die Ohren und Gehirne der Steuernden erreichen. Was wichtig ist zu begreifen: Menschen, die sich durch ihre Arbeit in ihrer Gesundheit gefährdet fühlen, reduzieren ihren Einsatz. Alles andere wäre ja erst recht krankhaftes Verhalten. (Johann Beran, DER STANDARD, 10.5.2014)

Johann Beran ist klinischer und Neuropsychologe, Arbeitspsychologe und internationaler Organisationsbehandler.

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