Aktivismus und Journalismus: Friedrichs-Regel "offenkundig falsch"

9. Mai 2014, 12:04
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Journalismusprofessor Lorenz-Meyer dekonstruiert legendäres Motto auf der Republica in Berlin

Berlin - Als sich der Journalist Glenn Greenwald im Dezember 2013 mit einem "wir" an die Teilnehmer des Hackerkongresses 30c3 in Hamburg wandte, waren Journalisten von "Zeit Online" irritiert und stießen die Debatte an, ob ein Journalist auch Aktivist sein darf. Zentral in der Argumentation war ein vielzitierter Satz des 1995 verstorbenen deutschen Journalisten Hanns Joachim Friedrichs: "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache."

Auf der Internetkonferenz Republica in Berlin kommt das Thema wieder hoch. Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Onlinejournalismus und Medienentwicklung an der Hochschule Darmstadt, hat die Herkunft des Zitats erforscht und seine Recherche Donnerstagabend präsentiert.

Ausgangsfrage war: Wo hat Friedrichs das gesagt? Die Antwort ist überraschend, denn Lorenz-Meyer wurde nicht fündig. Das Motto des nach Friedrichs benannten Fernsehpreises, das Generationen deutscher Journalisten geprägt hat, wird zwar immer wieder zitiert, die Quelle ist aber nicht aufzufinden. In dem Buch "Journalistenleben" über seinen Mentor, BBC-Journalist Charles Wheeler, kommt es nur fragmentarisch vor.

Position beziehen

Lorenz-Meyer schließt daraus: "Die Regel ist offenkundig falsch." Selbst Friedrichs habe nicht daran geglaubt und Position bezogen. Zur Argumentation dient ein Satz aus seinem letzten Interview: "Die Sendung hat eine grüne Botschaft: Wenn der Mensch sich weiter so bemüht, kriegt er das auch noch kaputt", erklärte Friedrichs einen seiner Naturfilme über Biber zu einem Beitrag zur politischen Bildung.

Flexibler Aktivismus

Journalisten dürfen flexibel aktivistisch agieren, erklärt Lorenz-Meyer und bringt als Beispiel George Monbiot. Der Umweltjournalist habe nach Fukushima Stellung für die Atomenergie bezogen. Nicht nur der Klimawandel sei ein Themenbereich für aktivistischen Journalismus. Lorenz-Meyer zählt TTIP, TISA, NSA, Überwachung und Finanzkapitalismus auf. Seine Conclusio zum "Journalismus und den guten Sachen": "Solange bei Jounalisten die Unabhängigkeit des Urteils gewährleistet ist, spricht nichts gegen klare Werte und Engagement und gegen Allianzen mit Aktivisten." (Sabine Bürger, derStandard.at. 9.5.2014)

  • Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Onlinejournalismus und Medienentwicklung
    foto: derstandardat/sb

    Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Onlinejournalismus und Medienentwicklung

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