Kirchenlieder in der Schule müssen hinterfragt werden

Leserkommentar9. Mai 2014, 12:31
651 Postings

Eine Mutter schildert, wie ihre Tochter ohne Bekenntnis Religion in der Schule erlebt

Rosa Winkler-Hermaden hat mit ihrem Artikel über Kirchenlieder in der Schule (Eltern gegen Kirchenlieder im Musikunterricht, DER STANDARD, 6. Mai) einen ordentlichen Sturm ausgelöst. Dass es die Menschen bewegt, zeigt sich schon allein an der Zahl der Postings und Kommentare.

Das freut mich, denn wir sind eine von "denen": also eine Familie ohne Bekenntnis, in Niederösterreich wohnend und mit Volksschulkind. Da lernt mensch einiges und kann sich immer wieder in Toleranz und Höflichkeit üben, um es milde auszudrücken.

Sichtweise der Kinder

Dennoch, und das ist mir sehr wichtig, vermisse auch in den Berichten des STANDARD und den Kommentaren der Poster den anderen Blickwinkel, nämlich jenen der Kinder. Es gibt zu diesem Thema Gesetze, Rechtsmeinungen und die Standpunkte der Eltern und der zuständigen Behörden, auch der Direktoren. Aber warum will niemand einmal etwas von einem Kind hören?

Ich habe mein Kind in der Volksschule unseres kleinen Dorfes als ohne Bekenntnis angemeldet, die Blicke und die Augenbrauenverschiebungen zur Kenntnis genommen und dann auch zugestimmt, dass unsere Tochter am Religionsunterricht teilnimmt (natürlich katholisch, für evangelisch sind es zu wenige Kinder, und muslimisch hat man hierorts noch nie gehört). Sie wollte gerne hingehen, die Kinder singen und malen zusammen, und die hübsche junge Religionslehrerin (zufällig die Tante ersten oder zweiten Grades der halben Klasse) ist ja sooo nett.

Augen zudrücken

Es gibt in der Schule Eltern, die sich darüber beschwert haben, dass es beim Mittagessen in der Nachmittagsbetreuung Eis und Kuchen gibt (zu Geburtstagen). Ich hingegen wollte und will nicht zu jenen gehören, die allen anderen immerzu das Leben schwermachen und ständig eine Beschwerde haben. Solange es meinem Mädchen Spaß macht, bin ich bereit, ein bisschen die Augen zuzudrücken. Sollen sie Erstkommunionslieder rauf und runter singen – es gibt bei uns sowieso sonst auch keinen Musikunterricht. Gemeinsam zu singen fördert das soziale Lernen.

Verstörte Tochter

Irgendwann bin ich damit aber sehr unglücklich gewesen. Meine Tochter war, nachdem in der Schule Ostern besprochen wurde - inklusive aller Details der Kreuzigung -, wirklich schlimm verstört. Sie begann, Alpträume zu haben, tagsüber war sie zwanghaft besessen von dem Thema, sie begann, an ihrer Kleidung zu nuckeln - alles, was für mich auf Stress hindeutet und auch eine Schädigung vorhersagt, war vorhanden. Dann habe ich also doch darauf bestanden, dass sie nicht mehr an diesem Unterricht zu unseren ethischen Werten teilnimmt (was, bitte, hat das mit Werten zu tun?). Das kann ich dann etwas besser. Mit dem Kommentar "In diesen Stunden wird Ihre Tochter aber nicht betreut" wurde unsere Abmeldung zur Kenntnis genommen.

Nach der Erstkommunion gab es aber etwas besonders Tolles an dieser schönen Schule: Zu Aschermittwoch (oder ist das Pfingsten? Ich bin da leider völlig ahnungslos) wurden wir informiert, dass der Pfarrer in die Schule kommt, um den Kindern das obligatorische Aschenkreuz auf die Stirn zu malen. Leider hieß es aber, dass unsere Tochter kein Kreuz bekommen kann, da sie ja nicht an der Kommunion teilgenommen hat.

Ohne Aschenkreuz ein schlechter Mensch

Um ehrlich zu sein, hat mich das nicht sonderlich bedrückt. Da malt ein wildfremder Mann einem ein Kreuz auf die Stirn – das kann doch wohl nur ein Witz sein, oder? Ich habe das nicht weiter beachtet. Ganz anders aber meine Tochter. Sie kam an diesem Tag weinend nach Hause, voller Frustration: Die anderen Kinder hätten alle ein Kreuz bekommen, sie hätten sie ausgelacht, einen Barbaren genannt (ob sie wissen, was das bedeutet?) und gesagt, dass sie "schlecht" sei und daher kein Kreuz bekommen habe.

Was das für eine Erfahrung für mein tapferes Mädchen war und wie sehr sie darunter gelitten hat, überlasse ich Ihrer Fantasie. Auch, wie es weiterging, bis wir vor kurzer Zeit die Schule gewechselt haben.

Hinterfragen ist wichtig

Was ich damit sagen will: Es ist gut, dass in unserer Gesellschaft so etwas wie Kirchenlieder in der Schule hinterfragt wird, aber wenn das nur über Gesetze und aus der Perspektive der Eltern, Lehrer, Direktoren und sonstigen Figuren geschieht, dann haben wir die wichtigsten Personen ausgelassen.

Und glauben Sie mir, es ist dieser Mangel an Interesse und Respekt vor ihren Empfindungen, der Kinder wirklich trifft. Die Kirchenlieder, darauf schwöre ich, tun nicht weh. Die Ausgrenzung und das ständige Wegargumentieren ihrer Erfahrungen, die damit verbunden sind, hingegen sehr. Fragen Sie einmal nach! (Eva Szigetvari, Leserkommentar, derStandard.at, 9.5.2014)

Eva Szigetvari (39) lebt in Prellenkirchen in Niederösterreich.

Share if you care.