Keine zweite Chance auf den ersten Eindruck

14. Mai 2014, 16:33
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Im Bewerbungsgespräch wird sehr schnell geurteilt, die Treffsicherheit ist dabei sehr hoch

Als Papst Franziskus auf der Loggia erschien und mit einem ruhigen Lächeln "Brüder und Schwestern, guten Abend" sprach, welchen Eindruck machte er auf Sie? Erschien er Ihnen als Repräsentant der christlichen Droh- oder Frohbotschaft? Sprach er eher Ihr Herz oder Ihren Verstand an? Was ging in Ihnen im Vergleich dazu durch den Kopf, als Joseph Ratzinger erschien? Wie wichtig ist der erste Eindruck und wie akkurat ist er? Hat man eine zweite Chance, einen ersten Eindruck zu hinterlassen?

Fremde schätzen wir blitzschnell, automatisch und ohne bewusste Anstrengung ein. Diese Eindrücke sind ziemlich treffsicher und höchst veränderungsresistent. Das zeigen Befunde, die unter dem Label "thin slice judgement" firmieren.

Beispielsweise wurden Probanden Fotos von CEOs vorgelegt. Sie schätzen deren Antriebskraft, Kompetenz und Gesichtsreife ein (= "Power") sowie deren Herzlichkeit und Vertrauenswürdigkeit (= "Warmth"). Die "Power" -Urteile wiesen eine relativ hohe Korrelation mit dem Unternehmensgewinn auf. Bis heute konnte die gesamte Erfolgsfaktorenforschung (Strategie, Finanzierung, Marketing etc.) keine stärkeren Effekte finden. "Warmth" korrelierte nicht mit der Performance.

Treffsichere Einschätzung auch mit alten Fotos

Ähnliches wurde mit Rechtsanwälten gemacht. Der Erfolgsindikator - bestehend aus Gewinnmargen, Kapitalerträge und Profit pro Partner - korrelierte ähnlich hoch mit den "Power-Urteilen". Damit aber nicht genug. Eine zweite Gruppe beurteilte Fotos aus der Studienzeit, die vor 20 bis 50 Jahren geschossen worden waren. Der aktuelle Erfolg korrelierte noch immer relativ hoch mit den "Power-Urteilen", basierend auf den alten Fotos. Videos von Verkäufern wurden in puncto Interpersonal Skills (Empathie, Hilfsbereitschaft, Emotionalität) bewertet. Ob das Video in voller Länge oder nur 20 Sekunden gezeigt wurde, machte keinen Unterschied. Die Korrelation mit dem Verkaufserfolg ist hier noch höher.

Hält eine Ehe oder wird sie geschieden? John Gottman ist der weltführende Eheforscher. Er macht Videos von Neuvermählten. Dann schätzen Beobachter den Anteil positiver und negativer Affekte in ihrer Kommunikation ein. Die Treffsicherheit, ob die Ehe in den ersten sechs Jahren geschieden wird, liegt bei 87 Prozent. Ob das Video eine Minute oder fünf Minuten gezeigt wird, ist egal.

Homosexuelle und heterosexuelle Männer konnten bereits bei einer Betrachtungsdauer von einer Zehntelsekunde valide unterschieden werden. Bei zehn Sekunden Zeit war die Treffsicherheit sogar schlechter.

15 Sekunden reichen

Warum können wir das? Evolutionsbiologisch betrachtet ist es von hoher Wichtigkeit, eine rasche Einschätzung vorzunehmen, die sich vor allem auf zwei Faktoren bezieht: Wie vertrauenswürdig und wie dominant ist die betreffende Person?

Seien Sie sich beim nächsten Einstellungsgespräch der Tatsache bewusst, dass Ihr Gegenüber sein Urteil über Sie in den ersten 15 Sekunden fällt. Es bräuchte acht gegenteilige Erfahrungen, um diesen Eindruck zu revidieren. Eine zweite Chance auf einen ersten Eindruck ist in diesem Fall daher eher illusorisch. (Johannes Steyrer, DER STANDARD, 10./11.5.2014)

Johannes Steyrer ist außerordentlicher Professor am Interdisziplinären Institut für verhaltenswissenschaftlich orientiertes Management der WU Wien

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