Auch Stress ist hoch ansteckend

9. Mai 2014, 15:12
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Wie und unter welchen Voraussetzungen, haben Neurowissenschafter am Leipziger Max-Planck-Institut nun nachgewiesen

Stress hat einen besonders schlechten Ruf - er gilt als einer der zentralen Krankheitsauslöser. Jetzt ist gemessen worden, dass er auch ansteckend ist: Wer gestresste Leute direkt beobachtet, bei dem steigt selbst der Spiegel des Stresshormons Kortisol deutlich an. Je enger die Gestressten und ihre Beobachter miteinander verbunden sind, desto signifikanter verläuft die hormonelle Stressreaktion bei den Beobachtern.

Wissenschafter des Leipziger Max-Planck-Instituts (Tanja Singer und Veronika Engert) haben gemeinsam mit der Technischen Universität Dresden (Clemens Kirschbaum) Probanden in den "Kampf" mit schwierigen Rechenaufgaben und unangenehmen Vorstellungsgesprächen geschickt. Bei 30 Prozent der Beobachtergruppe schnellte der Kortisolspiegel ebenfalls in die Höhe, selbst jeder Vierte, der nur via Bildschirmübertragung den Stress mit ansah, schüttete im eigenen Körper ordentlich Stresshormone aus.

Egal ob Frau oder Mann

Wer meint, dass vor allem Frauen solche empathischen Stressreaktionen zeigen, irrt: Mit diesem Vorurteil räumen die Forscher auf.

Apropos: Empathie, Spiegelneuronen, sympathische Reaktionen auf Gesehenes (Herzfrequenz) - das ist gar nicht so neu. Was ist also bahnbrechend an der Stressübertragung? "Dass wir die hormonelle Ausschüttung wirklich messen konnten, ist schon erstaunlich", sagt Veronika Engert vom Max-Planck-Institut.

Warum sie nicht von der schädlichen Ansteckung mit Disstress spreche? "Heute braucht man gar nicht mehr von Eu- und Disstress sprechen", sagt sie, die Aufmerksamkeit gelte den schädigenden Langzeitfolgen. Dass er bis zu einem gewissen Maße seinen Zweck als Aktivierer erfülle, setzt sie dabei als bekannt voraus. "Eine hormonelle Stressreaktion hat evolutionär natürlich auch einen Sinn. Wenn Sie einer Gefahr ausgesetzt sind, dann wollen Sie ja auch, dass Ihr Körper mit einem Anstieg des Stresshormons reagiert - damit wir eben fighten oder flighten können."

Konstruktiven Umgang finden

Immunsystem und Nervenzellen würden aber bekanntlich durch anhaltend hohen Kortisolspiegel, durch chronischen Stress geschädigt. Menschen in helfenden Berufen und Angehörige von Dauergestressten seien besonders betroffen. Und die Belegschaft im Großraumbüro? "Je mehr Leute, desto mehr brodelt's natürlich", so Engert, "aber der Stress hängt nicht in der Luft und wird nicht durch die Klimaanlage übertragen, es geht um das Sehen, das Miterleben."

Die Lehren aus den Erkenntnissen? Empathie, also das Mitleiden, führe zu Burnout oder Abstumpfung, so Engert, die damit wieder beim Thema Achtsamkeit angelangt ist. Es gehe um Verstehen: Was passiert mit mir und in meinem Körper, wenn ich Gestresste sehe? Dann könne man eigene Anfälligkeiten für die Stressansteckung (ist nicht bei allen Menschen gleich) erkennen und einen konstruktiven Umgang suchen. (Karin Bauer, DER STANDARD, 10./11.5.2014)

  • Irgendwer in der Umgebung hat immer Stress, die Ansteckungsgefahr lauert also überall.
    foto: www.istockphoto.com/cogal

    Irgendwer in der Umgebung hat immer Stress, die Ansteckungsgefahr lauert also überall.

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