"Am 11. Mai siegen wir über die Junta in Kiew"

Reportage8. Mai 2014, 18:18
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Separatisten in der Ostukraine beschließen gegen Putins Rat, das Referendum zur Abspaltung von Kiew durchzuführen

Obwohl es an diesem Donnerstag wie aus Kübeln schüttet, warten vor dem seit einem Monat besetzten Gebäude der Regionaladministration von Donezk zahlreiche ausländische Journalisten mit Engelsgeduld. Ein hünenhafter Maskierter im Tarnanzug organisiert den Zutritt. Nach einer Ganzkörperabtastung, die bei Männern durch männliche, bei Frauen durch weibliche Ordner gemacht wird, geht es hinauf in den elften Stock. Dort haben die Anführer der "Republik Donezk" zu einer Pressekonferenz geladen.

Beide Separatistengruppen, in Donezk und in Lugansk, wollen das Referendum zur Abspaltung von der Ukraine wie geplant am 11. Mai abhalten. Denis Puschilin erklärt, er wolle das Volk über die Zukunft der Region entscheiden lassen. "(Wladimir) Putin ist ein geachteter Führer und kümmert sich um seine Landsleute", lobt der selbsternannte Anführer der "Republik Donezk" den russischen Präsidenten, "allerdings werden wir am 11. Mai über unseren weiteren Weg abstimmen! Das steht zu hundert Prozent fest."

Sieg über den Faschismus

Der Tag sei ganz bewusst gewählt. "Das Referendum ist ein Zeichen für den Sieg über den Faschismus", sagt Andrej Purgin, auch Vertreter der Volksrepublik. "Wie am 9. Mai 1945 die rote Fahne über Nazi-Deutschland siegte, wird am 11. Mai unser Banner über die Faschisten der Junta in Kiew erfolgreich sein." Einige Anhänger und Vertreter russischer Medien applaudieren.

Puschilin und seine Mitstreiter genießen sichtlich die Aufmerksamkeit, die ihnen in diesen Tagen zuteilwird. Der Saal im elften Stock des Ex-Amtssitzes von Gouverneur Sergej Taruta - der Aufzug funktioniert seit Wochen nicht - platzt aus allen Nähten.

Pressesprecherin Klaudia Kulbazkaja sollte eigentlich die Presseakkreditierungen bearbeiten, doch heute gibt sie lieber Interviews; dabei raucht sie Kette. Die zierliche Frau hat ein Büro mit Vorzimmer, dort liegen Drucker und Kopiergeräte zertrümmert auf dem Boden herum. Die Teppiche sind fleckig, die Fenster hat man mit Plakaten von Ex-Präsident Viktor Janukowitsch verklebt.

Die Pressekarte ist ein Muss; ohne sie sind Journalisten von Veranstaltungen der Separatisten ausgeschlossen, und auch die Menschen vor den besetzten Gebäuden sprechen dann nicht mit den Reportern.

Neuer Staat "Noworossija"

Die Organisatoren der Wahlen sagen, sie wollen einen neuen Staat "Noworossija" (Neu-Russland) schaffen: Neben Donezk und Lugansk sollen auch die Regionen Charkiw, Odessa, Dnipropetrowsk, Cherson, Nikolaijw und Saporischja dazugehören - also der gesamte Süden und Osten der Ukraine. Sollte es so weit kommen, wären das zusammen mit der Krim rund 21 Millionen Bürger.

In Kiew wird die Entscheidung der Rebellen mit Kritik aufgenommen. Der Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrates Andrej Parubij sagt, die Antiterror-Aktion werde dennoch weitergehen.

In vielen Städten bleibt die Lage unübersichtlich: Aus Gorliwka, Mariupol, Slowjansk und Lugansk werden Kämpfe gemeldet. Rebellenvertreter Miroslaw Rundenko gibt sich kämpferisch: Man werde den "Faschisten" die richtige Antwort geben: "Einen Bürgerkrieg haben die in Kiew angezettelt - er kann nur durch das Referendum am 11. Mai gestoppt werden".

Die Organisation der Abstimmung obliegt in Donezk Roman Ljagin. Der Mann leitete bereits in der UdSSR Wahlen: "Wir sind bereit, alles läuft nach Plan. Ich bekomme täglich Anfragen Freiwilliger", so der Grauhaarige. Für die Abstimmung am Sonntag (7 bis 20 Uhr) stehen rund 2300 Wahllokale bereit. Auf dem Stimmzettel steht bloß eine Frage: "Sind Sie für die staatliche Eigenständigkeit der Volksrepublik Donezk?" Ljagin rechnet mit einer Wahlbeteiligung von rund 80 Prozent.

Die Wahlkommission in Kiew hat ihm den Zugriff auf das Wählerregister verwehrt, deshalb behilft man sich mit Unterlagen aus 2012. Regionale Medien rechnen mit einer Zustimmung von bis zu 90 Prozent. Gerüchten zufolge gebe es hunderttausende "präparierte" Wahlzettel - schon ausgefüllt und zusammengefaltet für den Fall, dass es in einigen Wahlkreisen "Probleme" gibt. (Nina Jeglinski aus Donezk, DER STANDARD, 9.5.2014)

  • Zum Bersten voll ist der Besprechungsraum im ehemaligen Amtssitz von Gouverneur Sergej Taruta - seit Wochen von Separatisten besetzt. Sie ignorieren Putins Appell, das Referendum zu verschieben.
    foto: reuters/marko djurica

    Zum Bersten voll ist der Besprechungsraum im ehemaligen Amtssitz von Gouverneur Sergej Taruta - seit Wochen von Separatisten besetzt. Sie ignorieren Putins Appell, das Referendum zu verschieben.

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