"Die SPÖ wirkt wie ein kastrierter Eber"

9. Mai 2014, 05:30
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Vom Betriebsbesuch zum Wirtshaustreffen: SPÖ-Europawahlkandidat Eugen Freund möchte sich mit dem Neoliberalismus anlegen, kämpft aber gegen den Ärger der roten Basis. Diese will "mehr Power" in der Koalition

Müllendorf - Eugen Freund ist von Flaschen umgeben. Millionenfach stapeln sie sich, mit 100 Bar zu Würfeln gepresst, am Gelände der Pet to Pet Recycling GmbH. Bis zu einem Drittel "Recyclatanteil" stecke in einer neuen Kunststoffflasche, berichtet der Geschäftsführer stolz - und weckt den Journalisten in seinem Ehrengast. Hingebungsvoll fragt Freund nach, so lange, bis sich in seinem Tross allmählich Unruhe breitmacht. Von der Maschineninspektion bis zum Gruppenfoto mit lokalen Würdenträgern für das Bezirksblatt wartet noch ein ausgedehntes Programm.

Es ist ein straff organisierter Zirkus, den Eugen Freund täglich absolviert. Jedes Bundesland klappert der SPÖ-Spitzenkandidat für die Europawahl ab, um Redebühnen zu erklimmen, Passanten abzupassen und Parteifunktionäre bauchzupinseln. Diesen Nachmittag tourt der Neopolitiker durch Werkshallen rund um Eisenstadt, wo sich Betriebe fruchtbarer EU-Förderungen erfreuen. Nein, er habe noch keinen Arbeiter getroffen, der ihn seinen Lohn erraten ließ, sagt Freund: "Das ist nur ein Thema für die Medien."

Steuern runter oder scheitern

Ganz stimmt das hundert Meter weiter, bei Freunds nächster Station, nicht. Dass der Ex-ORF-Mann einen Arbeiterverdienst bei einem seiner ersten Interviews auf 3000 Euro schätzte, "hängt ihm nach", sagt ein Betriebsrat, der den Tag bei einem Seiterl ausklingen lässt: "So was merken sich die Leut'." Allerdings, fügt der Mann an, trage der Kandidat noch die geringste Schuld für das, was am 25. Mai drohe: "Gut geht die Europawahl für uns nicht aus."

Das glauben im Wirtshaus Müllendorf einige. Die sozialdemokratischen Gewerkschafter des Burgenlands haben sich hier getroffen, um ihren Sieg bei der Arbeiterkammerwahl zu feiern, doch kaum wer kann erkennen, dass die Genossen in der Regierung genauso "rennen". Viel "energischer" müssten Kanzler & Co die ÖVP zur Vermögenssteuer drängen, findet einer: "Wir lassen ja auch die Hosen runter. Jetzt wird sogar bei der Bildung gespart."

"Mehr Power" wünscht sich Erich Mauersics, Chef der Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft Vida im Burgenland. Zu brav erscheint ihm die rote Koalitionshälfte: "Die SPÖ wirkt in der Regierung wie ein kastrierter Eber. Wenn das Entscheidende fehlt, kannst keine Ferkel machen." Dabei fordere man ja nichts Ungeheuerliches, sagt Mauersics, "wir wollen nur gleichbehandelt werden". Es könne nicht länger sein, dass die Arbeitnehmer die Steuerlast trugen, während die Vermögenden davon kämen. Die SPÖ müsse die Steuerreform deshalb zur Bedingung machen, auch wenn sie ein Scheitern der Koalition riskiere: "Denn wie sollen wir sonst glaubwürdig bleiben?"

Abstimmung am Pissoir

Eugen Freund versucht, ein paar Antworten zu geben. "Ohne Kampf kein Fortschritt" steht am Transparent hinter dem Podium, und Gegner macht der Wahlredner auch in der EU zu Genüge aus. Es gelte die "konservative, neoliberale Mehrheit" zu brechen, damit die Reichen nicht immer reicher und die Armen ärmer würden, sagt er: "Es gibt 26 Millionen Arbeitslose, die den Glauben an die Zukunft zu verlieren drohen."

Der Quereinsteiger kommt nicht nur wegen der gewerkschaftsgerechten Rhetorik besser im Saal an, als so manches schnöselige Antrittsstatement vermuten ließ. "Findet da eine Abstimmung statt?", witzelt Freund, als er sich in die Schlange vorm Pissoir einreiht, das joviale "Griaß di!" geht unaufgesetzt über die Lippen. Sein Publikum versteht er schnell: "Ich rede eh nicht lang, ihr wartets alle auf das Abendessen."

Geduld braucht aber vor allem der Kandidat selbst. Der bis in die Sprengel ausgewalzten Erfolgsbilanz zur AK-Wahl ("erstmals Erster im Bauhof Eisenstadt") lauscht er ebenso mit interessierter Miene wie dem technischen Vortrag im Recyclingbetrieb zwei Stunden zuvor. Sogar ein Lehrfilm muss sein, kindergerecht gestaltet, wie die Gastgeber anmerken. Freund trocken: "Nehmen Sie an, dass ich es sonst nicht verstehe?"

Hätte er einst als Journalist derartige Politikeraktivitäten nicht als Inszenierung belächelt? Er wundere sich auch, dass in der Firma so gut wie keine potenziellen Wähler aus der Belegschaft zu treffen waren, sagt Freund, aber er selbst nehme von all den Betriebsbesuchen sehr viel mit. "Ich bin schwer beeindruckt, was in diesem Österreich alles passiert", sagt er mit unterschwelligem Seitenhieb auf seine Ex-Branche: "Die Politiker sind nicht diejenigen, die keine Ahnung haben, wie es in der Wirtschaft zugeht." (Gerald John, DER STANDARD, 9.5.2014)

  • Lockerer, als nach schnöseligen Anfangsauftritten zu befürchten war: Eugen Freund findet einen Draht zur SPÖ-Klientel - der roten Regierungshälfte gelingt das immer schlechter.
    foto: standard/newald

    Lockerer, als nach schnöseligen Anfangsauftritten zu befürchten war: Eugen Freund findet einen Draht zur SPÖ-Klientel - der roten Regierungshälfte gelingt das immer schlechter.

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