"Hate Radio": Wie Worte töten können

8. Mai 2014, 17:21
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Im Theater inszenierte der Regisseur Milo Rau die Hetzsendungen einer Radiostation während des Völkermordes in Ruanda. Für die Fernsehfassung sprach Rau mit den realen "Vorbildern". Zu sehen auf 3sat, Samstag, 22.40 Uhr

Wien - Die Worte an die Hörer von RTLM am 6. April 1994 sind folgenschwer: "Ruanderinnen und Ruander, wir ihr alle wisst, hat sich unser Präsident zu einer sehr wichtigen Versammlung nach Dar­essalam begeben und sollte heute Abend zurückkehren. Aber soeben haben wir die schreckliche Neuigkeit erfahren, dass sein Flugzeug bei der Landung von unseren Feinden abgeschossen wurde." Es folgt: Bruckners siebente Symphonie.

Der Abschuss des Flugszeugs stellt den Auslöser für einen der bestialischsten Kriege der Geschichte dar. Die extremistischen Hutu metzeln in nur hundert Tagen fast eine Million der Angehörigen der Tutsi-Minderheit und gemäßigte Hutu nieder. Den Genozid begleitete eine beispiellose Hasskampagne des Landesradios Radio Télévision Libre des Mille Collines - RTLM, das als einziges Medium zweisprachig sendete, auf Französisch und in der Muttersprache Kinyarwanda.

Film- und Fotodokumente von den Geschehnissen sind rar. Als eine der wenigen Quellen werteten Chronisten die Radiosendungen aus. Zwanzig Jahre später inszenierte der Regisseur Milo Rau eine Sendung des RTLM als Theaterstück in Ruanda. Auf der "Bühne" - das nachgestellte Studio des ehemaligen Senders in Kigali - standen Schauspieler. Mit "Hate Radio" war Rau auch Gast in Wien, ein Hörspiel gibt es ebenso. Hintergründe zum Stück erzählt der gleichnamige Dokumentarfilm, zu sehen am Samstag, 22.40 Uhr auf 3sat. Sie erlauben verspätete Rückblicke auf eine von der Weltengemeinschaft geduldeten Entmenschlichung.

"Jagt sie!"

"Das Radio, das euch die Wahrheit sagt", eröffnet ein Sprecher gut gelaunt, dazu ertönt fröhliche Musik. Danach kommen Durchhalteparolen, schließlich stehe man kurz davor, den Krieg gegen die "Tutsi-Kakerlaken" zu gewinnen. Und immer wieder: "Courage!" Neben Ausschnitten aus der Bühnenaufführung kommen die Schauspieler zu Wort, die zum Teil betroffen waren. Sébastien Foucault etwa spielt den Belgier Georges Rouggiu, der die Hutu-Milizen mit der französischen Résistance verglich. Der Hetzredner, der sich von den Hutu zum "Vorzeige-Weißen" instrumentalisieren ließ, kommt selbst zu Wort.

"Wie eine Gießkanne, die Benzin über das Land gießt", bezeichnet der Journalist Patrick de Saint-Éxupery das Programm des Senders: "Man muss nur noch das Streichholz hinhalten, und alles fliegt in die Luft."

Nancy Nkusi spielt Valérie Bemeriki. Sie ereifert sich in besonderem Maße: "Die Kakerlaken haben Gott vergewaltigt!" - "Jagt sie!" Sie verlangt "vollständige Auslöschung", "endgültige Vernichtung".

Milo Rau besucht die lebenslänglich verurteilte Bemeriki im Gefängnis in Kigali und zeigt ihr am Laptop Bilder der Inszenierung. Beim Schauen wirkt es, als krame sie nostalgisch in Erinnerungen.

Als die Tutsi im Juli 1994 das Radiogebäude einnehmen, fliehen die Macher an die Grenze zum Ostkongo. Der Belgier Rouggiu baut eigenhändig die Sendeanlagen ab. Seine Geschichte ist geradezu irrwitzig: Er wird später vom Internationalen Strafgerichtshof gefasst. Rouggiu kooperiert und geht 2010 frei. Inzwischen ist er zum Islam konvertiert - und bittet die Ruander um Verzeihung. (Doris Priesching, DER STANDARD, 9.5.2014)

  • Täter am Mikrofon: Im Stück "Hate Radio" von Milo Rau tragen Schauspieler die Hassreden im ruandischen Radio RTLM vor. Im Dokumentarfilm kommen die realen Moderatoren zu Wort. 
    foto: 3sat/daniel seiffert

    Täter am Mikrofon: Im Stück "Hate Radio" von Milo Rau tragen Schauspieler die Hassreden im ruandischen Radio RTLM vor. Im Dokumentarfilm kommen die realen Moderatoren zu Wort. 

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