Chris Christie: Die neue Demut eines Bulldozers

9. Mai 2014, 05:30
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Chris Christie hätte gute Karten, die Kandidatur der US-Republikaner für die Präsidentenwahl 2016 zu gewinnen - wäre da nicht Bridgegate. Jetzt tourt er herum, um sich wieder nach oben zu reden.

Das T-Shirt kommt wie bestellt. Ob der Gouverneur Manns genug sei, so ein T-Shirt zu tragen, fragt die blonde Betreuerin von den Pfadfinderinnen. "Na sicher", erwidert Chris Christie, bittet Kelly McGraw nach vorn, reißt ihr das Kleidungsstück aus den Händen und streift es sich über.

"Man Enough To Be A Girl Scout", steht in weißen Lettern auf blauem Stoff. Der Gouverneur bekennt sich also zu den Pfadfinderinnen, denen man im Alltag meist dann begegnet, wenn sie für einen guten Zweck Cookies verkaufen. Nur ist Christie auch ungewöhnlich korpulent für einen Spitzenpolitiker, weshalb seine Berater sekundenlang ziemlich nervös wirken: Es könnte ja sein, dass ihm das T-Shirt nicht passt.

Selbst auf die Schaufel nehmen

Als er es über den Kopf gezogen hat und sich stolz darin präsentiert, flüstert ihm Kelly McGraw etwas ins Ohr, worauf Christie zum Mikrofon greift. "Wisst ihr, was sie gesagt hat? 'Übrigens, Governor, wir haben auch kleinere Größen, Sie werden ja immer dünner.'" Christie grinst. Ob einstudiert oder nicht, die Einlage zeigt einen Politiker, der sich selbst auf die Schaufel zu nehmen versteht.

Brick, eine Kleinstadt in New Jersey. Die Luft riecht nach Salz, nach dem nahen Atlantik. Der Gouverneur hat zum Town-Hall-Meeting geladen, zu seinem 120. Bürgerforum. In der Turnhalle der Lake Riviera Middle School hängt ein Sternenbanner von Dimensionen, dass sich glatt ein Lastwagen dahinter verstecken ließe. In der Mitte, wie in einem Boxring, läuft Christie unablässig im Kreis, während er redet und redet und redet. So locker er sich gibt, in Wahrheit ist es ein Gang nach Canossa. Er hat kein Amt verloren, kein Votum, dennoch ringt er um sein Comeback.

Bridgegate

Der bullige Mann, der sich unlängst von Ärzten ein Band um den Magen legen ließ, um die Nahrungszufuhr zu beschränken, er hätte gute Chancen, 2016 Präsidentschaftskandidat der Republikaner zu werden - wenn da nicht wäre, was alle nur Bridgegate nennen. Eine Vertraute heckte mit seinem früheren Baseballkumpel aus Schulzeiten einen Plan aus, der eher an eine Bananenrepublik denken lässt. Eine dreispurige Zufahrtsstraße zur George Washington Bridge, einer Autobahnbrücke zwischen New Jersey und New York, wurde tagelang bis auf eine Spur gesperrt, um Rache zu nehmen an einem aufsässigen Bürgermeister, der Christie nicht zur Wiederwahl empfehlen wollte.

Ob der Gouverneur Bescheid wusste, ist unklar, nachweisen ließ es sich bisher nicht. Doch er bleibt eine Zielscheibe beißenden Spotts. Deshalb tourt Christie seit Monaten von einer Town Hall zur nächsten, um sich den Fragen des Wahlvolks zu stellen. Es ist eine Studie amerikanischer Basisdemokratie, sehr direkt, sehr hemdsärmelig, nicht selten auf telegene Effekte bedacht.

"Regel Nummer eins", verkündet Christie gleich zu Beginn, "schreien Sie nicht, wenn Sie drankommen wollen. Ich habe vier Kinder, die können Ihnen haarklein erzählen, wie stur ich mich stelle, wenn jemand schreit." Zweitens: "Ich rate Ihnen, halten Sie keine Rede, ich werde schnell ungeduldig."

New Jersey - der Name steht für Proletenkult, für Tattoos und Hotdog-Gerüche über Bretterstrandpromenaden, für einen Ton, der mindestens so rau ist wie in der benachbarten Metropole New York. Christie bedient sie perfekt, die New-Jersey-Stereotype.

Unter allen US-Politikern von Rang ist er der burschikoseste. 2001 ernannte ihn George W. Bush zum Bundesstaatsanwalt für New Jersey, es war sein Karrieresprungbrett. Im vorigen Herbst wurde er zum zweiten Mal in Folge ins Gouverneursamt gewählt, ein republikanischer Sieger in einem Umfeld, das traditionell den Demokraten zuneigt.

Ruf eines Brückenbauers

Christie legte sich mit der Lehrergewerkschaft an, um Pädagogen die Pensionen zu kürzen. Das setzte er durch, indem er sich mit Demokraten vom rechten Flügel ihrer Partei verbündete. Damit begründete er den Ruf, ein Brückenbauer zu sein, abgesehen vom Schulterschluss mit Präsident Barack Obama, nachdem der Wirbelsturm Sandy die Küste New Jerseys verwüstet hatte - kurz vor der Wahl 2012. Leute, die Parteiengräben überwinden - danach sehnt sich das Land. Es lief gut für Christie. Bis Bridgegate kam.

Joe Karcz wedelt mit einer blassgelben Baseballkappe, dem Symbol seiner Misere. Die Basecap hat Schimmelflecken, weil der 51-Jährige in einer Wohnung mit feuchten Wänden lebte, nachdem die Sandy-Sturmflut seine Straße unter Wasser gesetzt hatte. Das Haus zu renovieren koste deutlich mehr, als ihm der Staat zugestehe, schimpft Karcz. Eine Weile wohnte er zur Miete, jetzt laufen die Mietzuschüsse aus, und Karcz muss wohl wieder zurückziehen. Christie verspricht, den Fall zu prüfen - sonst aber nichts. "Eines will ich klarstellen, Leute", sagt er, "wir zahlen für Reparaturen, nicht für Verbesserungen. Wer von Solarpaneelen auf dem Dach träumt, schminkt euch das ab, das zahlen wir nicht."

Brachialer Klartext statt Politikerfloskeln - das war Christies Erfolgsmasche. Neu ist seit Bridgegate ein Anflug von Demut. "Habe ich je behauptet, ich sei perfekt?", fragt der Gouverneur zum Schluss in die Runde. Fehler mache doch jeder, sagt Christie und zitiert seine Mutter: "Junge, aus welchem Holz einer geschnitzt ist, erkennst du daran, wie er mit seinen Fehlern umgeht." Es klingt wie die Generalprobe für 2016. (Frank Herrmann aus Brick, DER STANDARD, 9.5.2014)

  • Chris Christie bei seinem Auftritt in Brick, er trägt das blaue T-Shirt der Pfadfinderinnen. Brachialer Klartext war seine Erfolgsmasche. Doch seit Bridgegate ist er angeschlagen.
    foto: frank herrmann

    Chris Christie bei seinem Auftritt in Brick, er trägt das blaue T-Shirt der Pfadfinderinnen. Brachialer Klartext war seine Erfolgsmasche. Doch seit Bridgegate ist er angeschlagen.

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