Chaos Computer Club fordert EU-Betriebssystem für Smartphones

8. Mai 2014, 17:57
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Software, Betriebssystem und Programmiersprachen müssten von Grund auf neu entwickelt werden

Der Chaos Computer Club (CCC) ruft beim Thema sichere Internetkommunikation nach dem Staat: CCC-Sprecher Frank Rieger sieht auf lange Sicht nur in einer von der EU von Grund auf neu entwickelten Software-Infrastruktur die Lösung für ein sicheres Netz. "Je mehr man über Technologie weiß, desto weniger vertraut man ihr", sagte Rieger im Gespräch mit dem Wall Street Journal am Rande der Internetkonferenz Republica. Um das Problem für die breite Masse der Bevölkerung zu lösen, müssten Software, Betriebssystem und Programmiersprachen von Grund auf neu entwickelt werden. Das dazu erforderliche Geld – Rieger schätzt die Kosten auf mehrere hundert Millionen Euro – soll nach seiner Vorstellung von der EU kommen.

"Der Einzige, der in der Lage ist, einen reinen Sicherheitsansatz zu fahren – das heißt sichere Software, sichere Betriebssysteme, sichere Programmiersprachen als Dienst an der Öffentlichkeit – ist nun mal momentan der Staat", sagte Rieger.

Dagegen seien nur wenige Unternehmen aufgrund der kurzfristigen Profitorientierung und der Kapitalmarktorientierung im Viertelquartalstakt in der Lage, so langfristig zu planen wie es für einen sicherheitsorientierten Ansatz nötig sei. "Dass Apple jetzt hingeht und sagt ‚wir machen jetzt mal zwei Jahre keine neue Betriebssystemversion, weil wir an einer wirklich sicheren Version arbeiten' – das wird nicht passieren", sagte Rieger.

Eine komplette Neuentwicklung der Hardware-Grundlagen sei zwar ebenfalls wünschenswert – aus Kostengründen aber nicht realistisch. Doch auch die komplette Neuentwicklung der Software wäre ein gewaltiges und langfristiges Projekt. "Das ist ein 15-bis-20-Jahre-Ansatz. Man fängt erst mal damit an, sichere Programmiersprachen zu entwickeln. In der Programmiersprache fängt man dann an, Betriebssysteme neu zu bauen und so weiter", sagte Rieger.

Bis es erste Ergebnisse gebe, die Nutzer auf dem Telefon zu sehen bekommen, dauere es mindestens fünf Jahre. Die im staatlichen Auftrag finanzierte Software sollte nach Vorstellung des CCC unter einer Open-Source-Lizenz zur Verfügung gestellt werden.

Diskussionen mit der Politik dazu liefen derzeit, sagte Rieger, "wenn auch langsam". "Da ist natürlich die große Frage: Was soll man da eigentlich tun, was ist die Folgerung aus dem NSA-Skandal? Wo sind denn sinnvolle Ansätze, um zu investieren? Die Fragen beantworten wir auch dementsprechend." Vor der Europawahl erwartet Rieger keine konkreten Ergebnisse. "Danach hoffen wir, dass wieder Drive in die Sache kommt", sagte der CCC-Sprecher und Sicherheitsexperte.

Auf der Internetkonferenz Republica schlug Rieger öffentlich-rechtliche Strukturen für wichtige Internet-Dienste vor. "Das Wichtigste wäre natürlich eine Suchmaschine." Ähnliches sei auch für viele andere kritische Strukturen des Internets denkbar – wie beispielsweise Internet-Provider. Es gebe hunderte Initiativen in diesem Bereich in Deutschland, die beispielsweise einen genossenschaftlichen Ansatz verfolgten. Als Beispiel nannte er die beiden kleinen Berliner Internet-Anbieter SO36.net und Snafu. (Stephan Doerner, wsj.de/derStandard.at, 8.5.2014)

  • "Der Einzige, der in der Lage ist, einen reinen Sicherheitsansatz zu fahren – das heißt sichere Software, sichere Betriebssysteme, sichere Programmiersprachen als Dienst an der Öffentlichkeit – ist nun mal momentan der Staat".
    foto: reuters, montage: red

    "Der Einzige, der in der Lage ist, einen reinen Sicherheitsansatz zu fahren – das heißt sichere Software, sichere Betriebssysteme, sichere Programmiersprachen als Dienst an der Öffentlichkeit – ist nun mal momentan der Staat".

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