Theaterärgernis für das Schablonendenken

8. Mai 2014, 17:26
5 Postings

Bereits im Vorfeld der am Freitag beginnenden Wiener Festwochen wurde das Stück "Die Neger" von Jean Genet heftig diskutiert. Was hat es auf sich mit den erhobenen Rassismusvorwürfen?

Wien - Das Interesse an sozial verantwortlichem Handeln verlor der Dichter Jean Genet (1910-1986) schon als Kind. Der Zehnjährige wurde von den Pflegeeltern fälschlich des Diebstahls bezichtigt. Klein Jean beschloss aus Trotz, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Genet machte in der Folge als Zuchthäusler Karriere. Er setzte der Halbwelt, den Ausgestoßenen in den Bordellen, ein dichterisches Denkmal nach dem anderen. Der bekennende Homosexuelle schrieb nach 1945 einige schwindelerregende Romane und Stücke. Sein Französisch war rein wie Quellwasser. Jean-Paul Sartre verglich Genets Stil mit der durchdringenden Klarheit der Schriften Descartes'.

Die Neger ist unter einigen schwierigen Texten der bedenklichste. Schon das N-Wort im Titel ist eine Provokation. Wohl nannte Genet sein 1959 entstandenes Stück "eine Clownerie". Gemacht war es für schwarze Darsteller. Die Uraufführung durch Regisseur Roger Blin fand im selben Jahr im Pariser Théâtre de Lutèce statt. In der ältesten deutschen Buchausgabe ("sonderreihe dtv") wird Blins Ensemble Les Griots noch wie selbstverständlich eine "Negertruppe" genannt.

Genet wollte farbige Darsteller. In dieser Frage ließ er nicht mit sich handeln. Regiekünstler, die der bleichen Gesichtsfarbe ihrer Schauspieler durch Griffe in den Schminktopf abhalfen, deckte der Autor mit Protesttelegrammen ein. Entspannter wurde die Lage erst, als Peter Stein 1983 eine Sondergenehmigung erwirkte. Seine Aufführung an der Berliner Schaubühne wurde von Weißen dargestellt, in Steins bis heute gültiger Neuübersetzung.

Die Wiener Festwochen haben Die Neger ins Zentrum ihres diesjährigen Schauspielprogramms gerückt (Premiere ist am 3. Juni im Theater Akzent). Regisseur Johan Simons, der mit Schauspielern aus München und Hamburg probt, hatte den Titel sogar in Die Weißen abändern wollen. "Blackfacing" als rassistische Praxis des Äffens und Ausbeutens sollte geächtet bleiben. Doch Stein, der Inhaber der Übersetzungsrechte, legte sich gegen die gutgemeinte Absicht quer. Genets Stück zieht Missverständnisse an. Es kann für den Rassismus derer, die durch Gebrauch des "N"-Wortes ihre eigene Borniertheit zur Schau stellen, kaum belangt werden.

Seine Spielanordnung ist rituell. Auf einer Galerie sitzt ein maskierter "Hofstaat" und blickt auf einen reich mit Blumen geschmückten Katafalk herunter. Die Herrscher sind Weiße, die von Schwarzen verkörpert werden. Zur Unterhaltung der Machthaber auf den Logenplätzen führt eine Gruppe Farbiger das immer gleiche Schauspiel auf. Gegeben wird das sehr schreckliche Spiel von der genüsslichen Ermordung einer (beliebig wechselnden) weißen Frau. Genets Ästhetik schillert in den Farben des Bösen. Die Unterdrückten gehen in der Rolle ihrer Andersartigkeit auf. Wie exotische Raubtiere umschleichen sie den in Wahrheit leeren Sarg in der Bühnenmitte.

Die "Neger" genießen den Ekel, den die Weißen oben ihnen entgegenbringen. Sie weiden sich am "Gestank", den sie verströmen, und geißeln ihr "schweres" Fleisch. Ihre Poesie stammt aus dem Arsenal der Peiniger. Sie erzählen in improvisiert wirkenden Nummern die Verbrechen, die sie an den Ausbeutern zu begehen wünschen. Genets Trick orientiert sich an der Praxis des zu Unrecht beschuldigten Diebes. In den Figurenreden der Farbigen mit Namen wie "Village", "Felicité" oder "Neige" hallt das Dröhnen der Verse aus den klassischen Tragödien nach.

Spötter auf der Galerie

In Die Neger werden die Unterdrücker gleichsam enteignet. Unklar bleibt, wer hier in wessen Namen spricht. Die Herrschaften auf der Galerie werden von dem Spektakel zu ihren Füßen in Aufregung versetzt. Allmählich wechselt der Schauplatz. Die Königin aus dem ersten Stock und ihr Hofstaat verlassen die Logenplätze und ziehen "in die Kolonien". Die Gesichter der Weißen sind Larven. Herren und Knechte bespiegeln einander. In Gang gesetzt wird das Ritual durch das Bestreben, den weißen Zuschauern - nur für diese ist das Stück gemacht - die Zeit bis zum Untergang zu vertreiben.

In Genets dichterischem Kosmos wiegt für alle die Schuld gleich schwer. Die "Neger" bestehen darauf, sich mit den Rollen, die man ihnen zur Last legt, zu identifizieren. Rassistische Verhältnisse werden nicht durch Reformen verändert, sondern durch magische Übertreibung transzendiert. Am Ende tanzen die schwarzen (und nur solche gibt es) Darsteller das Menuett aus Mozarts Don Giovanni. Genet prophezeit den Sieg der Kunst über die beschämende Ausgangslage. Für Reformpolitik bleibt bei ihm kein Platz. Über "Correctness" hätte er, der Sympathisant der Black-Panther-Bewegung, wahrscheinlich hellauf gelacht. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 9.5.2014)

Die Wiener Festwochen 2014 werden heute, Freitag, auf dem Rathausplatz eröffnet: Chöre aus acht Ländern demonstrieren den Europagedanken und geben - mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien und dem Arnold Schoenberg Chor - ein gemeinsames Konzert. Beginn: 21.20 Uhr.

  • Jean Genet (1910-1986) setzte in dem Stück "Die Neger" ("Les Nègres") den Unterdrückten ein schwer zu deutendes Denkmal. Johan Simons inszeniert das Ritual für die Festwochen.
    foto: corbis / hulton-deutsch collection

    Jean Genet (1910-1986) setzte in dem Stück "Die Neger" ("Les Nègres") den Unterdrückten ein schwer zu deutendes Denkmal. Johan Simons inszeniert das Ritual für die Festwochen.

Share if you care.