YLine-Prozess: Ehemaliger Vorstand befragt

8. Mai 2014, 15:58
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"Wusste, dass Sanierungsbedarf besteht" - YLine hätte Finanzierungsbedarf aber plangemäß nachkommen können

Am heutigen achten Hauptverhandlungstag im Strafprozess um die Internet-Firma YLine stand neben der Neubestellung des Sachverständigen die Befragung eines mitangeklagten ehemaligen YLine-Vorstandsmitglieds im Zentrum. Anfang 2000, vor dem Platzen der Internetblase, sei die Welt noch eine ganz andere gewesen, betonte die Angeklagte, die alle Anklagevorwürfe zurückwies.

Anfang 2001, als die Situation noch schwieriger geworden sei und die Finanzmärkte noch stärker nach unten drehten, habe man gespürt, dass die Bereitschaft, in Internetunternehmen zu investieren, verhaltener geworden sei. Um den Finanzierungsbedarf zu decken seien Unternehmensteile verkauft worden. Alles was nicht strategisch wichtig war, sollte verkauft werden. Die Verkaufsbemühungen seien aber nicht von Erfolg gekrönt gewesen. "Reine Internetunternehmen waren am Markt nicht mehr gefragt".

"Wussten, dass Sanierungsbedarf besteht"

"Wir wussten, dass Sanierungsbedarf besteht", so die Angeklagte weiter. Vom Finanzierungsbedarf habe auch sie gewusst, YLine hätte diesen den Planungen nach aber auch nachkommen können. Man hätte auch im "worst case" bedienen können, als dieser dann eintrat, wollte man es nicht mehr machen, so die Angeklagte zur Richterin. 2001 seien dann alle strategischen Beteiligungen weggekommen. Sie selbst sei dann im Mai 2001 - noch vor der Konkursanmeldung im Herbst - aus dem Vorstand ausgeschieden. Im September 2001 stellte Böhm dann den Konkursantrag, nachdem der wichtigste Geschäftspartner, die IBM, behauptete Forderungen fällig gestellt und eine Generalzession gezogen hatte.

Wie schon der Hauptangeklagte Ex-YLine-Chef Werner Böhm wies auch die Mitangeklagte die von der Anklage erhobenen Untreuevorwürfe etwa im Zusammenhang mit zu hoch bewerteten Sacheinlagen anlässlich der Beteiligung an Primus, WebLine oder Kontornet zurück. Die Umsatzerwartungen - und dementsprechend auch die Bewertungen - seien damals stark ansteigend gewesen. Auch die von der Anklage vorgeworfenen Prämienauszahlungen seien gerechtfertigt gewesen.

"Enorme visionäre Kraft"

Zu Beginn ihrer Befragung beschrieb die Angeklagte, wie sie 1998 gemeinsam mit Böhm - und anderen Personen - aus der Creditanstalt (CA) kommend die spätere YLine gegründet haben. Die Idee zur Gründung einer Internetfirma sei von Böhm gekommen. Böhm habe "enorme visionäre Kraft" besessen, und das auch gut vermitteln können, so die Angeklagte. Es habe damals eine Aufbruchstimmung geherrscht. Sehr rasch hätten auch erste Projekte akquiriert werden können. Als man damit begonnen habe, Software auf einer Internetplattform anzubieten, sei Investmentbanker Michael Lielacher dazugestoßen. Man habe zwar schon vorher mit kleineren Venture Capital-Firmen gesprochen. Lielacher, der gute Kontakte zu britischen Investmentbanken hatte, sei aber sofort auf die Strategie aufgesprungen und habe angeboten, für YLine den Kapitalmarkt zu öffnen.

Der Börsengang sollte spätestens 2000 erfolgen, erfolgte aber bereits im November 1999. "Damals war eine Zeit, wo Unternehmen sehr rasch an die Börse gingen", so die Angeklagte. Bereits 1999 habe man auch begonnen, eine Internetplattform zu errichten. Damals sei noch keine Rede von Google gewesen, wenn man im Internet was suchen wollte, musste man die genaue Internetadresse eingeben. Um das für Kunden zu erleichtern, sei die Plattform www.yline.com entstanden. "In unseren Breiten waren wir dabei führend", so die Angeklagte.

Situationsänderung

YLine sei immer bekannter geworden, daraus sei die Idee gekommen, Haushalte mit PCs zu beliefern, damit sie ins Internet kommen können. Das sei dann auch das Geschäftsmodell für den Börsengang gewesen: Internetportal und Internet Service Anbieter (ISP). Das Wachstum sei enorm gewesen und das Geschäftsmodell weiter entwickelt worden. Anfang 2000 habe man dann unbedingt einen strategischen Partner gesucht. So sei die deutsche Primus Service GmbH dazugekommen, Tochtergesellschaften seien gegründet, Kapitalerhöhungen durchgeführt worden.

Bald darauf hätten sich die Situation geändert, die Kapitalmärkte hätten begonnen, sich abwärts zu gedreht. Gespräche wegen Kapitalerhöhungen etwa mit der Telekom oder UTA seien schwieriger geworden. Fusionsgespräche mit der Beko hätten sich zerschlagen. 2001 seien dann alle strategischen Beteiligungen weggekommen.

Der Prozess wird am Freitag, dem 8. Mai, im Großen Schwurgerichtssaal des Wiener Straflandesgerichts fortgesetzt. (APA, 08.05.2014)

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