Zwölf Missverständnisse über den Eurovision Song Contest

Blog mit Video9. Mai 2014, 11:37
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Punkteschiebereien, Windmaschinenwahnsinn, Kommerz und Gay Pride: Was ist dran an den Vorurteilen über den Eurovision Song Contest?

1. Der Song Contest ist doch nur politisch

Wenn Länder gegeneinander antreten, ist immer auch eine politische Komponente vorhanden. Dieses Jahr stehen naturgemäß die Ukraine und Russland im Fokus. Auch die Botschaft von Conchita Wurst wird politisch kommentiert. Dies ist keineswegs neu. Immerhin wurde der Eurovision Song Contest 1956 ins Leben gerufen, um nach dem Zweiten Weltkrieg eine gesamteuropäische Show zu schaffen, die mittels Musik verbindend wirken soll. Auch das ist Politik. Politische Botschaften gab es danach immer, sei es die portugiesische Nelkenrevolution, der Fall der Mauer oder die Orange Revolution in der Ukraine 2004. Am Ende ist der Song Contest aber einfach das, was er von Anfang an immer schon war: eine gesamteuropäische Unterhaltungssendung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

2. Beim Song Contest geht es längst nicht mehr um Musik, sondern nur um absurdes Bühnenspektakel

Das stimmt nur zum Teil. Gerade ruhige Performances ohne Tamtam, die nur die Musik in den Vordergrund rückten, schnitten in der Vergangenheit häufig gut ab. Man denke an Tom Dice 2010 oder Anouk 2013. Genauso gehören aber auch Spektakel mit Akrobatik, Bombast und Pyrotechnik dazu. Was am Ende erfolgreicher sein wird, weiß man zuvor nie. Und dann können auch Inszenierungen gut gelingen oder total daneben sein. Eines aber ist gewiss: Was man beim Eurovision Song Contest geboten bekommt, gibt es nirgendwo sonst. Und in Wahrheit lieben (oder hassen) wir ihn genau deshalb.

3. Der Eurovision Song Contest ist der reinste Windmaschinenwahnsinn

Stimmt.

4. Die Punktevergabe ist doch nur eine Punkteschieberei unter Nachbarn

Natürlich sind die ewigen zwölf Punkte Zyperns an Griechenland, der Skandinavien-Block, der Balkan-Block und der Ex-Sowjet-Block irritierend. Allerdings ist die Ursache nicht reine Nachbarschaftshilfe. Denn ein mazedonischer Sänger wird auch im serbischen Radio gespielt, norwegischer Pop in Schweden wahrgenommen. Es handelt sich hier mehr um kulturelle Ähnlichkeiten und Musikgeschmack. Anders formuliert: Der deutsche Beitrag dieses Jahres landete in den österreichischen Charts. Sonst (noch) nirgends. Daher kann man das Missverständnis der Punkteschiebereien ausräumen, auch wenn sie freilich immer wieder irritieren.

5. Kein Mensch braucht den Eurovision Song Contest - am besten abschaffen

Natürlich kann man eine schöne TV-Tradition, die 1956 begann, abschaffen. Aber was gibt es denn außer Politik und Sport, das Zuschauer und Zuschauerinnen von Tel Aviv bis Reykjavík, von Lissabon bis Wladiwostok vor den Fernseher bringt? Ganz Europa (und Australien) schaut Pop, kommentiert, lästert und macht Party. Ich finde, man müsste den Song Contest erfinden, wenn es ihn nicht schon gäbe. Und wenn man ihn so ganz und gar nicht mag? Womit wir beim sechsten Vorurteil wären:

6. Den Eurovision Song Contest kann man sich doch nicht mehr anschauen

Manche Menschen schauen gerne Fußball, andere nicht. Manche zappen von Ski- oder Formel-1-Rennen schnell weg, andere verfolgen Statistiken darüber. So ist das nun einmal mit Vielfalt. Mein Tipp: Man muss sich den Eurovision Song Contest nicht anschauen. Man muss diesen Blogbeitrag auch nicht lesen, um unten zu kommentieren, wie blöd er ist. Man kann sich einen schönen Abend mit Freunden machen, ein Buch lesen, sich einen Film anschauen oder ins Theater gehen. Gönnt den anderen, die das mögen, halt die Freude.

7. Es gewinnt doch eh immer nur Osteuropa

Dass der Song Contest nur noch etwas Osteuropäisches sei, hört man oft. Aber stimmt das auch? Schauen wir uns einmal die Sieger und Siegerinnen der letzten 20 Jahre an: Es gab sieben nordeuropäische Siege (1995, 1999, 2000, 2006, 2009, 2012, 2013), fünf osteuropäische (2001, 2002, 2004, 2008, 2011), drei westeuropäische (1994, 1996, 1997), zwei Siege vom Balkan (2005, 2007) und dann jeweils einmal Mitteleuropa (2010), Türkei (2003) und Israel (1998). Nur ein Viertel der Siegerlieder kam also aus Osteuropa.

8. Der Eurovision Song Contest fördert keine Karrieren, er schadet eher

Diese Aussage ist nicht allgemeingültig, sondern von Land zu Land verschieden. Je nachdem, wie der Eurovision Song Contest in den jeweiligen Heimatländern angesehen ist, sind auch Karrieren möglich. Oder zerstört. Am schwierigsten funktioniert das in den Ländern, in denen der Bewerb kein Ansehen hat, dazu zählt etwa auch Österreich. Dass man von talentierten Sängerinnen wie Nadine Beiler und Natália Kelly nichts mehr hört, ist natürlich tragisch. Viele Sängerinnen und Sänger konnten aber eine Karriere starten. Vielleicht nicht unbedingt immer international, aber in gewissen Regionen oder Ländern. Sertab Erener, die türkische Siegerin 2003, sei hier exemplarisch genannt. In Europa mag man sie größtenteils vergessen haben. In der Türkei ist sie aber immer noch ein Megastar, der weiterhin ganz herausragende Alben veröffentlicht und Konzertsäle füllt.

9. Der Song Contest ist eine reine Kommerzveranstaltung

Wer vor Ort mit Künstlern und Künstlerinnen spricht, wird erstaunt sein, in welchen prekären Verhältnissen manche von ihnen leben. Ja, eigentlich sogar die meisten. Ausrichter der einzelnen Acts ist ja zumeist eine öffentlich-rechtliche Fernsehstation. Noch aber wurden keine CDs, Downloads oder Konzerttickets verkauft. Darauf hofft man natürlich, es gelingt aber nur wenigen. Reich wird beim Song Contest nahezu niemand. Außer man landet einen Welthit wie Loreen 2012. Und vor Ort sind es vor allem die Volontäre, die den Bewerb erst ermöglichen. Dazu haben wir ein Video vorbereitet. Das sind die Freiwilligen, ohne die ein Eurovision Song Contest gar nicht stattfinden könnte:

10. Der Song Contest ist so etwas wie eine Gay Pride

Schon das Siegerlied 1961, Nous les amoureux, gilt als Hymne schwuler Liebe. Und tatsächlich gilt der Eurovision Song Contest vielen Lesben und Schwulen als zweithöchster Feiertag nach dem Christopher Street Day. Es ist die Mischung aus Glamour und Campness, die er anspricht. Aber er ist noch viel mehr: Länder treten zwar gegeneinander an, aber er ist - zumindest vor Ort - ein Treffen aller, um sich kennenzulernen, Party zu feiern und einander zu umarmen - und das alles ohne dumpfen Nationalismus. So wird der Contest ein Fest der Vielfalt, Toleranz und schrägen Töne. Und so tanzt schon mal eine albanische Großfamilie mit schwulen Bären aus Spanien, eine Dragqueen aus Dänemark mit einem aserbaidschanischen Geschäftsmann, der mit seiner Tochter anreiste. Es ist einfach wunderbar. Lesben und Schwule wollen den Song Contest aber gar nicht als Gay Pride definieren. Denn jede und jeder ist willkommen, der die Vielfalt akzeptiert und liebt. Nur die Nörgler und grundsätzlich Allesschlechtfinder sind nicht so angesehen.

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Das ist durchaus möglich.

12. Es will ja niemand mehr gewinnen, weil die Austragung viel zu teuer ist

Dieser Punkt ist kein Missverständnis und wird innerhalb der Delegationen häufig diskutiert. Manche Fernsehstationen haben geradezu Angst, den Bewerb gewinnen zu können. Der norwegische Sender NRK konnte etwa 2010 die Fußball-WM nicht übertragen, weil der Song Contest das Budget verschlang. Aber vor allem nach den teuren Spektakeln in Moskau, Düsseldorf und Baku begannen immer mehr Sender den Kopf zu schütteln: Wohin soll das noch führen? Malmö versuchte daher den Song Contest wieder etwas herunterzufahren. In Dänemark gelang das heuer nicht ganz, denn der dänische Rundfunk kämpft mit einem Budgetloch, das auch dessen Exportschlager, die sensationellen dänischen Serien wie Borgen, nicht ausgleichen konnten. In welcher Größe zukünftige Song Contests stattfinden werden, ist daher eine sehr offene Frage. Vermutlich liegt es am Siegerland dieses Jahres, wie es weitergehen kann. Russland würde wohl wieder auftrumpfen wollen, Malta müsste sich wiederum ganz etwas anderes überlegen. Aber auch das ist Teil der Eurovision-Song-Contest-Geschichte: Er erfand sich immer wieder neu. Vermutlich existiert er auch deshalb seit 1956. (Marco Schreuder, derStandard.at, 9.5.2014)

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