Wir sind, was unsere Ahnen gesät haben

8. Mai 2014, 20:00
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Verschiedene Methoden beim Anbau von Reis und Weizen könnten zu Unterschieden zwischen östlicher und westlicher Kultur beigetragen haben

Peking - Im späten 18. Jahrhundert erlebte England die ersten Vorboten der industriellen Revolution. Angetrieben von einer Fülle technischer Innovationen begann sich zunächst der Norden Europas, später Nordamerika und schließlich der gesamte Globus nachhaltig zu verändern. Warum diese Umwälzungen ausgerechnet von Nordeuropa ausgingen, ist immer noch eine der großen Fragen der Geschichte. Führt man sich die Welt vor tausend Jahren vor Augen, dann hätte man wohl auf naheliegendere Kandidaten getippt, die die Grundlagen für einen solchen globalen Fortschritt legen könnten: China etwa oder der Nahe Osten.

Bisher haben Historiker Antworten auf diese Frage in religiösen oder geographischen, ja sogar genetischen Unterschieden gesucht. Thomas Talhelm von der University of Virginia und sein Team chinesischer und US-amerikanischer Forscher verfolgen dagegen einen anderen Ansatz: Ihre "Reis-Theorie" geht davon aus, dass unterschiedliche Methoden beim Anbau von Reis und Weizen für die Verschiedenheiten zwischen östlicher und westlicher Kultur hinsichtlich Individualität und analytischen Fähigkeiten einerseits und kollektivistischer Lebensweise andererseits verantwortlich sind.

Die Grundthese, die die Forscher im Fachblatt "Science" erläutern, lautet: Während der Reisanbau arbeitsintensiv und mit einem großen Aufwand bei der Bewässerung verbunden ist und daher kooperatives Vorgehen der Landbevölkerung notwendig macht, können Weizenbauern unabhängiger arbeiten. Dies würde sich auch in psychologischen Unterschieden niederschlagen.

Reis macht kooperativ

"Die Idee dahinter ist, dass Reis wirtschaftliche Anreize zur Kooperation gibt und solche Kulturen über viele Generationen stärker ineinandergreifend sind, während Gesellschaften, in denen jeder einzelne weniger vom anderen abhängig ist, mehr Freiheit für Individualismus haben", meint Talhelm, der seine These während eines vierjährigen China-Aufenthalts entwickelte.

Um sicherzustellen, dass andere historische und politische Unterschiede keine Rolle spielen, haben die Wissenschafter allein in China geforscht, wo traditionell im Norden Weizen und im Süden Reis angebaut wird. Die Wissenschafter erhoben bei 1.162 Chinesen Unterschiede hinsichtlich Individualismus, Analysefähigkeit und Gemeinschaftssinn.

Tatsächlich zeigte sich, dass die Menschen im südlichen China mehr voneinander abhängig sind und ganzheitlicher denken als der Weizen züchtende Norden, was in wesentlichen Punkten auch die Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Kulturen widerspiegelt. Die befragten Chinesen waren übrigens großteils Studenten ohne Bezug zur Landwirtschaft, was für Talhelm seine "Reis-Theorie" untermauern würde: "Einfach gesagt: Man muss nicht Reisbauer sein, um die Reiskultur geerbt zu haben." (tberg, DER STANDARD, 09.05.2014)

  • Der Anbau von Reis ist sehr arbeitsintensiv. Für die Bewässerung und den Erhalt der Felder muss das gesamte Dorf mit anpacken. Dies hat Folgen für die Kultur, meint ein Team internationaler Forscher.
    foto: apa/epa/stf

    Der Anbau von Reis ist sehr arbeitsintensiv. Für die Bewässerung und den Erhalt der Felder muss das gesamte Dorf mit anpacken. Dies hat Folgen für die Kultur, meint ein Team internationaler Forscher.

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