Kontrollore animierten zum Schwarzfahren: Prozess in Graz vertagt

8. Mai 2014, 17:20
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23 Angeklagte, ein Verfahren im Vorfeld eingestellt - Verteidiger kritisierten "Milchmädchen-Rechnung" der Staatsanwaltschaft

Graz - Es sind nicht die vom Leben Bevorzugten, die da am Donnerstag im Grazer Straflandesgericht vor Richterin Angelika Hacker dichtgedrängt sitzen: Arbeitslose, Bezieher von Notstandshilfe, Putzfrauen, Taxilenker, geringfügig Beschäftigte. Sie leben im Monat von 600 bis 700 Euro, einige wenige kommen über tausend. Und dann drücken noch die Bankschulden für den Zahnarztbesuch oder die Wohnungseinrichtung. Was sie alle - es sind 23 Angeklagte - eint: Sie waren "Schwarzkappler", Kontrollore in den Grazer Straßenbahnen und Bussen. Ehe sie hinausgeschmissen wurden.

Die Angeklagten haben sich laut Staatsanwaltschaft eines der für Kontrollore wohl schwerwiegendsten Vergehens schuldig gemacht: Sie haben Schwarzfahrer ungestraft fahren lassen.

Nicht alle durften gratis Bim fahren, sondern nur "privilegierte" Schwarzfahrer: Bei Freunden, Bekannten und Verwandten wurde ein Auge zugedrückt.

Zweieinhalb Jahre "Freunderlwirtschaft"

Eigentlich hätten sie 60 Euro Strafe für jeden Schwarzfahrer einheben müssen, die "Privilegierten" aber hatten einen speziellen Fahrschein zur Hand. Es waren zum Teil schon gebrauchte, ungültige Tickets, auf die die Angeklagten ihre vierstellige Mitarbeiternummer notierten. Bei einer Kontrolle wurden dann diese gekennzeichneten Fahrscheine vorgewiesen, und die Kontrollore wussten, es handelt sich um einen "privilegierten Schwarzfahrer" eines Kollegen. Dieses System sei dem ebenfalls angeklagten Betriebsrat und Einsatzleiter eingefallen, sagt die Staatsanwaltschaft. Damit habe er guten Wind für sich machen wollen - immerhin gibt es ja regelmäßig Betriebsratswahlen.

Aber warum haben die Kontrollore da mitgemacht, fragt Staatsanwältin Gertraud Pichler, um sich gleich selbst die Antwort zu geben: Sie haben einfach gut dastehen wollen vor ihren Verwandten, vor den Freuden und Bekannten.

Diese "Freunderlwirtschaft" (Pichler) währte gut zweieinhalb Jahre, von April 2009 bis September 2011. Dann flog die Sache durch eine Unachtsamkeit auf. Einer der Angeklagten kaufte im Mobilitätszentrum der Grazer Verkehrsbetriebe einen Fahrschein für seine Schwester und notierte seine Dienstnummer darauf. Dabei wurde er aber beobachtet. Eine Detektei eruierte in der Folge die Details, der Fall wurde schließlich gerichtsanhängig.

Milchmädchenrechnung

Es geht um einen Gesamtschaden von 110.000 Euro. Der Betriebsrat muss sich wegen des Verbrechens der Untreue verantworten. Ihm drohen drei bis zehn Jahre Haft. Der Strafrahmen für die übrigen Angeklagten liegt zwischen sechs Monaten und drei Jahren.

Die Verteidiger stoßen sich vor allem an der Schadenshöhe und sprechen von "Milchmädchenrechnung" und von "Kollektivschuld". Denn nur sechs der Beschuldigten erklären sich teilweise schuldig. Der Großteil aber will mit den Malversationen nichts zu tun haben, sie seien da mit hineingezogen worden. Es habe kein System und kein Team gegeben, vielmehr seien die Kontrollore unter "Gruppenzwang und Leistungsdruck" gestanden, argumentiere die Anwälte.

Der Schaden wurde übrigens von der Sicherheitsfirma, in der die Angeklagten angestellt waren, mittlerweile beglichen. Ein Urteil wird Ende Mai erwartet. Zuvor wird noch Holding-Graz-Chef Wolfgang Malik als Zeuge gehört. (Walter Müller, DER STANDARD, 9.5.2014)

  • Kontrolleure der Graz Linien sollen eine "Freunderlwirtschaft" aufgezogen haben.
    foto: foto: apa/ingrid kornberger

    Kontrolleure der Graz Linien sollen eine "Freunderlwirtschaft" aufgezogen haben.

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