Zweites Song-Contest-Semifinale: Was euch heute Abend erwartet

Blog8. Mai 2014, 11:08
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Eine australische Premiere, norwegische Gänsehaut, griechische Party und Conchita Wurst

Im zweiten Semifinale wird Australien endlich verdientermaßen Teil der Eurovisionswelt! Der Eurovision Song Contest ist seit vielen Jahren auf dem anderen Teil des Globus unglaublich beliebt und wird in Kopenhagen das erste Mal vertreten sein. Wie? Das sei noch nicht verraten.

Österreichs Teilnahme am zweiten Semifinale ist gleich doppelt vorhanden. Denn einerseits ist heute der große Tag für Conchita Wurst. Andererseits vergnügt uns heuer der dänische Rundfunk mit Beiträgen aus dem Guinness Book of Eurovision Records. Es gab im ersten Semifinale bereits die höchsten Haare und die größten Schulterpölster. Heute geht es um die meisten Klatscher in der Geschichte des Bewerbs. Und da gewinnt der österreichische Beitrag von Waterloo & Robinson 1976. Ich vermute aber, dass der ORF statt dieses Intermezzos Werbung zeigen wird.

Wer vom erstem Semifinale am Dienstag enttäuscht war, dem sei gesagt: Das zweite ist wesentlich stärker! Und ich lege mich fest: Die besten Beiträge kommen aus Österreich, Norwegen und Israel. Knapp gefolgt von Finnland.

Falls Sie heute mitbestimmen wollen, welche zehn Songs ins Finale einziehen sollen, dann gilt natürlich wie immer: You cannot vote for your own country! Über 50 Prozent der österreichischen Punkte entscheiden die Zuschauer und Zuschauerinnen. Der Rest kommt von der Jury, deren Vorsitz übrigens dieses Jahr Stella Jones hat, Österreichs Teilnehmerin 1995.

Aber nun einmal der Reihe nach:

1. Malta: Firelight - Coming Home

Folk ist heuer (neben Dubstep) sehr beliebt. So auch beim maltesischen Beitrag. Der Song plätschert fröhlich dahin, haut einen zwar nicht um, verbreitet aber recht gekonnt gute Laune. Auf einer Einkaufsstraße würde man dieser Band gerne ein paar Euro in den Hut legen. 50 Cent für einen Anruf investieren ist freilich was anderes.

Chancen fürs Finale: wird knapp.

2. Israel: Mei Finegold - Same Heart

Mei Finegold gab im Vorfeld ein Konzert in Kopenhagen und haute alle um. Ihre Bühnenpräsenz ist enorm stark. Eine richtige Rampensau im besten Sinne des Wortes. Sie bietet uns eine sehr kraftvolle, zweisprachige und radiotaugliche Pop-Rock-Nummer, die auch in den Hitparaden reüssieren könnte. Eine Vollblutmusikerin und einer der besten Songs des Abends.

Chancen fürs Finale: Israel hat es traditionell schwer, aber diese Powerfrau muss einfach ins Finale!

3. Norwegen: Carl Espen - Silent Storm

Jetzt kommt was fürs Gemüt. Also legt schon mal Taschentücher bereit, denn bei Carl Espen könnte schon die eine oder andere Träne fließen. Und das meine ich ernst! Silent Storm ist eine wunderschöne rohe Ballade. So, als ob sie nicht ganz fertig komponiert worden wäre. Genau das ist das Grandiose daran. Da steht ein tätowierter Pfundskerl und singt brüchig, authentisch und sensibel. Man glaubt ihm jedes Wort und bekommt Gänsehaut. Umwerfend gut. Einer der Topfavoriten für den Sieg.

Chancen fürs Finale: eine Bank.

4. Georgien: The Shin & Mariko - Three Minutes To Earth

In Georgien gibt es offenbar noch Hippie-Kommunen, wo Musik improvisiert wird. So zumindest der Eindruck, den die georgische Truppe hinterlässt. Indigene Klänge zu Beginn, ein paar Gitarren, und dann kommen so viele Stilmixe, dass man die Ohren zuklappen möchte, was unter anderem auch an den schiefen Tönen liegen mag, die man zuhauf dargeboten bekommt. Der mit Abstand merkwürdigste Beitrag dieses Jahres. Sagen wir es einmal so.

Chancen fürs Finale: raus.

5. Polen: Donatan & Cleo - My Słowianie - We Are Slavic

Jetzt darf eine Sexismus-Debatte beginnen. Die Polen meinen, ihre Performance sei ironisch gemeint, andere werden das anders sehen. Polen-Folklore bedeutet in diesem Fall: Tracht, Butterstampfen und jede Menge Anzüglichkeiten. Zielgruppe: heterosexuelle Männer, die auf Heustadl-Softpornos stehen. Aber wenn man die Augen schließt (was man aber nicht tun wird), dann ist es sogar ein witziger zweisprachiger und gar nicht so schlechter Song.

Chancen fürs Finale: eher weiter.

6. Österreich: Conchita Wurst - Rise Like A Phoenix

Was soll ich noch sagen, außer dass sie großartig ist? Die g'winnt uns noch den Schaaß.

Chancen fürs Finale: weiter.

7. Litauen: Vilija Matačiūnaitė - Attention

Litauen bietet nach dem wunderbaren Drama aus Österreich Uptempo-Dubstep. Attention ist sehr kraftvoll, aber alles in allem eine konfuse Nummer. Im Pressezentrum kam der Tänzer besser an als die Sängerin.

Chancen fürs Finale: eher nicht.

8. Finnland: Softengine - Something Better

Indie-Pop ist beim Song Contest immer schwer einzuschätzen. Manchmal geht es total auf, manchmal floppt es gewaltig. Im finnischen Fall dürfte es funktionieren, weil sie sowohl Indie-Fans ansprechen als auch eine Boyband sind und so die Zielgruppe geschickt erweitern. Softengine könnten genauso gut eine Band sein, die sich in einer Garage Manchesters gefunden hat. Mir gefällt so was.

Chancen fürs Finale: weiter.

9. Irland: Can-Linn (featuring Kasey Smith) - Hearbeat

Der Rekordhalter der Eurovisions-Geschichte hatte schon lange keinen Sieg mehr. Auch Jedward haben das nicht geschafft. Der 2014-Song Hearbeat  ist ein sehr unaufgeregter Plätscherpop-Song mit einem Hauch keltischer Klänge. Das war's auch schon, was man dazu wissen muss. Gehört und gleich wieder vergessen.

Chancen fürs Finale: Ich fürchte, das wird nix.

10. Weißrussland: Teo - Cheesecake

Im ersten Semifinale wurde ein Kuchen gebacken. Im zweiten Semi wird die Sache schon etwas konkreter. Es handelt sich nämlich um weißrussischen Käsekuchen, aber bislang waren wir Schlimmeres aus der Diktatur gewohnt. Der Sänger ist jedenfalls sehr sympathisch, und das Lied auch. Ob Sympathie reicht? Ich fürchte, nach einer Minute kennt man schon alles, es gibt keine Steigerungen mehr, und man holt sich dann doch ein Stück Kuchen aus dem Kühlschrank.

Chancen fürs Finale: knapp, eher nicht.

11. Mazedonien: Tijana - To The Sky

Der Discostampfer in bester Eurotrash-Tradition kommt diesmal aus Mazedonien. To The Sky kann man in jeder Disco spielen. Es geht gut ins Bein. Da ein ESC ohne so etwas nicht geht, brauchen wir das im Finale. Auch weil es sehr ansprechend inszeniert ist, wurscht ob man das mag oder nicht.

Chancen fürs Finale: eher weiter.

12. Schweiz: Sebalter - Hunter Of Stars

Unser Nachbarland zittert immer um den Finaleinzug, so wie wir es jedes Jahr tun. Also seid mal ein bisschen empathisch! Auch Sebalter versucht es mit Folk und er singt nicht nur, sondern pfeift und spielt auch noch Geige. Wenn wir es den Skandinaviern oder den Ex-Sowjet-Republiken gleich tun wollen, voten wir und die Deutschen für die Schweiz und umgekehrt, denn es wird sicher knapp.

Chancen fürs Finale: Das wird schwierig.

13. Griechenland: Freaky Fortune feat. RiskyKidd - Rise Up

Griechenland probiert es dieses Jahr mit DJs statt Sängern und Trampolin statt Windmaschine. Weil singen kann man das nicht nennen. Muss man auch nicht, weil es ist einfach eine Balkan-Dancefloor-Nummer, die man entweder mag oder hasst. Auf Parties funktioniert so etwas immer prächtig, bei einer Fernsehshow setze ich eher ein großes Fragezeichen dahinter. Party pur, denn Spaß macht Rise Up. Griechenland gehört heuer nicht zu den Top-Favoriten, der Song könnte aber in den Hitparaden funktionieren.

Chancen fürs Finale: Griechenland kommt immer weiter.

14. Slowenien: Tinkara Kovač - Round And Round

Man durfte sich nach dem Sieg von Emmelie de Forrest 2013 schon fragen, wer 2014 auch ein Flöten-Intro nachmachen wird. Jetzt wissen wir es: Slowenien, das heuer klassische Durchschnitts-Eurovisionskost bietet, wie man sie schon hundert mal gehört hat. Sie hat Stimme, die Komposition ist durchaus ansprechend, aber es will einfach kein Funke rüber springen. Ljubljana als Austragungsort 2015 darf getrost als ausgeschlossen gelten.

Chancen fürs Finale: Raus.

15. Rumänien: Paula Seling & Ovi - Miracle

Das sympathische Duo aus Rumänien war 2010 in Oslo schon dabei und wurde dort immerhin Dritter. Nicht anzunehmen, dass die beiden diesen Erfolg 2014 wiederholen können, aber das Finale sollte drin sein. Miracle ist eingängiger Uptempo-Pop, welcher mit einem kleinen Zaubertrick, einem Rundklavier und einer Umarmung überrascht. Nett und macht Spaß. Nicht mehr, nicht weniger.

Chancen fürs Finale: Auch Rumänien kam immer ins Finale. Eher ja. (Marco Schreuder, derStandard.at, 8.5.2014)

Marco Schreuder, 1969 in den Niederlanden geboren, ist seit 1976 Eurovision-Song-Contest-Fan. Gerade erst nach Österreich übersiedelt, begeisterten ihn die Bilder vom Austragungsort 1976. Denn in Den Haag lebten seine Großeltern. Seitdem ist er standhafter Europäer und Eurovision-Fan und hat keinen einzigen Song Contest ausgelassen. Im Brotberuf sitzt er für die Grünen im Bundesrat und ist Einzelunternehmer. Als Letzterer war er im Team von Nadine Beiler in Düsseldorf 2011 dabei. Sein Lieblingsbeitrag aller Zeiten: Alice & Battiato, "I treni di Tozeur", Italien 1984. Für derStandard.at ist er bereits seit dem den Song Contest 2012 in Aserbaidschan dabei und bloggt auch heuer in Kopenhagen wieder vor Ort mit Alkis Vlassakakis, der filmt und fotografiert.

Liveticker
derStandard.at kommentiert das 2. Semifinale am Donnerstag ab 21 Uhr live.

  • Schlange stehen für Conchita. Skandinavische Gelassenheit beim Einlass.
    foto: alkis vlassakakis

    Schlange stehen für Conchita. Skandinavische Gelassenheit beim Einlass.

  • Letzter Feinschliff vor dem großen Auftritt.
    foto: andres putting (ebu)

    Letzter Feinschliff vor dem großen Auftritt.

  • Mei Finegold: Powerfrau aus Israel.
    foto: andres putting (ebu)

    Mei Finegold: Powerfrau aus Israel.

  • Geheimfavorit Carl Jespen aus Norwegen.
    foto: andres putting (ebu)

    Geheimfavorit Carl Jespen aus Norwegen.

  • Auch polnische Butter wird auf der Bühne gestampft.
    foto: andres putting (ebu)

    Auch polnische Butter wird auf der Bühne gestampft.

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