Die fünf größten Sorgen des Mario Draghi

8. Mai 2014, 08:04
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Die EZB könnte heute oder im Juni die Geldpolitik lockern. Sonst droht ihr das Scheitern an den eigenen Zielen

Europas Währungshüter beraten heute in Brüssel über die künftige Geldpolitik. Sollen sie das Geld wie von der OECD gefordert noch billiger machen und den Leitzins auf null senken? Tatsächlich überwiegen bei EZB-Chef Mario Draghi aktuell die Sorgen über die Wirtschaft im Euroraum, er spricht im EZB-Jargon daher gerne von "downside risks", von Abwärtsrisiken. Hier die fünf größten Gefahren für die Erholung.

Die Inflation bleibt niedrig. Gemessen an den harmonisierten Verbraucherpreisen liegt die Teuerung im Euroraum gerade einmal bei 0,7 Prozent. „Unter, aber nahe zwei Prozent“ ist aber das erklärte Ziel der EZB. Doch davon dürfte sie sich so lange entfernen wie noch nie seit ihrer Gründung im Juni 1998. Die Ökonomen der OECD rechnen damit, dass die Inflation bis zum Jahresende 2015 gerade mal auf 1,2 Prozent steigen wird. Selbst die EZB prognostiziert ihr Scheitern und erwartet eine Teuerung von nur 1,3 Prozent im Jahr 2015. Damit würde die Inflation drei Jahre deutlich unter der Zielmarke von zwei Prozent liegen. Selbst in der großen Finanzkrise war das nicht der Fall.

Wenn ein Finanzminister seine Ziele nicht erfüllt, die ihm vom Stabilitätspakt auferlegt werden, gibt es Rügen und blaue Briefe. Im Falle der EZB drohe Schlimmeres, warnen Ökonomen wie Guntram Wolff von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. Denn gewöhnen sich die Europäer erstmal an niedrige Inflation und niedriges Wachstum, könnten sich Unternehmen mit Investitionen und Haushalte mit großen Anschaffungen zurückhalten und so eine Abwärtsspirale auslösen. Tatsächlich sind zuletzt auch die Inflationserwartungen an den Märkten weiter zurückgegangen.

Ein Grund für die niedrige Inflation ist die hohe Arbeitslosigkeit in Europa. Auch im Vergleich zu den OECD-Staaten insgesamt sind viele Menschen in der Eurozone ohne Job und das Wachstum dürfte auch bis 2015 nicht ausreichen, um die Arbeitsmärkte zu entlasten. Dabei liegt die Arbeitslosigkeit weiter über der NAIRU (Non Accelerating Inflation Rate of Unemployment).

Diese "inflationsstabile Arbeitslosenrate" zeigt an, bei welcher Arbeitslosigkeit eine Lohn-Preis-Spirale (steigende Löhne, steigende Inflation) einsetzt. In der Eurozone ist man von dieser Quote noch deutlich entfernt. Es zeichnet sich also weiterhin niedrige Inflation ab. "Angesichts einer rekordhohen Arbeitslosigkeit und einer fast rekordniedrigen Inflationsrate, kann man sich als Ökonom nur eine aggressiv reagierende und vorausschauende EZB wünschen", schreibt François Chauchat, Europa-Volkswirt von GaveKal daher heute früh.

Der Euro gilt offiziell zwar nicht als Sorge für die EZB, schließlich betreibt sie keine Währungspolitik. Doch die starke Gemeinschaftswährung verschärft einige Probleme in Europa. Er erschwert Ländern wie Spanien oder Portugal die Anpassung, indem ihre Exporte international an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Diese Länder haben zwar Löhne gesenkt, um wieder Güter in alle Welt verkaufen zu können, aber jetzt erhöht der teure Euro ihre Export-Hürde. OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny warnte jüngst im Standard vor den gefährlichen Folgen des teuren Euro. Analysten sehen einen Wert von 1,4 als symbolträchtig, der die EZB auf den Plan rufen könnte. Davon ist man mit zuletzt knapp 1,3915 gegen den Dollar nicht mehr weit entfernt.

Extrem niedrige Inflation oder gar Deflation ist für Schuldner ein Graus. Denn damit sind die realen Finanzierungskosten deutlich höher. Nach Abzug der Inflation zahlen Unternehmen in Europas Peripherie aktuell dreimal so hohe Zinsen wie in den Kernländern der Eurozone, haben Ökonomen der Denkfabrik Bruegel diese Woche errechnet (H/T für die Daten, Studie finden Sie hier). Damit kommt die lockere Geldpolitik ausgerechnet in jenen Ländern an, in denen die Konjunktur eh schon besser läuft (Deutschland, Österreich), nicht aber dort, wo sie ankommen soll (Spanien, Portugal, Griechenland, Italien).

Die EZB betont gerne, dass ihre Geldpolitik bereits sehr locker ist. Die Zinsen sind niedrig und Banken wurden mit Milliarden an Liquidität versorgt. Doch bei Haushalten und Unternehmen kommt davon nichts an. Im Euroraum gehen die Kredite an Unternehmen stetig zurück und auch die Finanzierungen für Private stagnieren, real betrachtet gehen auch sie zurück. Die Geldpolitik mag also locker sein, die Kreditpolitik aber ist straff. Das liegt auch zu einem Teil an klammen Banken mit hauchdünnen Kapitalpolstern. Daran kann die EZB nur etwas ändern, wenn sie als Bankaufseher bei ihrem aktuell laufenden Bilanzcheck ganz genau schaut und die Banken wieder ausreichend mit Kapital versorgt sind. (Lukas Sustala, derStandard.at, 8.5.2014)

  • Hat gute Gründe, sich um die Euro-Konjunktur zu sorgen: EZB-Chef Mario Draghi
    foto: reuters/lenoir

    Hat gute Gründe, sich um die Euro-Konjunktur zu sorgen: EZB-Chef Mario Draghi

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