Durchmarsch statt Durchbruch

7. Mai 2014, 19:42
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Vater Wolfgang und Trainer Günter Bresnik hat der Erfolg von Dominic Thiem gegen Weltklassemann Wawrinka gar nicht so verblüfft

Wien/Madrid - Dominic Thiem beschäftigt sich mit Fragen, die sich jeder Mensch (Spitzensportler) stellt. Wie gut bin ich wirklich? Was muss ich verbessern? Wohin führt die Reise? Am Dienstagabend hat der Schweizer Tennisprofi Stanislas Wawrinka in Madrid zumindest eine Antwort gegeben. "Er ist sehr gut. Das wusste ich, ich bin ja kein Idiot." Der Weltranglistendritte, der heuer die Australian Open und vor knapp zwei Wochen den Sandplatzklassiker in Monaco gewonnen hatte, fügte nach dem 6:1, 2:6, 4:6 gegen den 20-jährigen Niederösterreicher hinzu: "Er hat riskiert, den Sieg verdient."

Wolfgang Thiem kennt Dominic bestens, er ist sein Vater und Tennistrainer in der Südstadt. Er weilt nicht in Madrid, auch Günter Bresnik, Dominics ewiger Chefcoach, schaut sich den Spaß daheim im Fernsehen an. Thiem ist mit seinem jüngeren Bruder Moritz unterwegs, der ist 14 Jahre alt und hat ausnahmsweise schulfrei bekommen. Vater Thiem über diese Reisegesellschaft: "Das ist bewusst, die beiden haben sich zuletzt sehr selten gesehen. Dominic tut es gut, aufzupassen und Verantwortung zu übernehmen." Der Sieg gegen Wawrinka hat den Vater in Lichtenwörth zwar nicht verblüfft, aber schon erstaunt. "Er hat aus den knappen Niederlagen gegen Tsonga und Murray gelernt. Dominic kann sich richtig reinhängen. Er hat das Ding eiskalt fertig gespielt." Natürlich sei es der größte Erfolg der bisherigen Karriere gewesen. "Sollte er Zweifel gehabt haben, sind sie weg."

Die Reaktion nach dem Matchball war für den Papa erfreulich unhysterisch. "Er ist keiner, der zwei Meter in die Luft springt. Gerade das ist seine Stärke. Das Ganze ist ein Puzzle aus vielen Teilen. Er weiß, dass es noch viel zu verbessern gibt. Den Aufschlag, den Volley. Es ist aufbauend, den Zenit nicht erreicht zu haben."

Bresnik ist kein Freund von Superlativen. "Das ist nicht der Durchbruch, seit 1. Jänner ist es ein Durchmarsch." Dominic besitze die Fähigkeit, "aus Erfahrungen zu lernen. Das können Niederlagen wie das verpatzte Daviscup-Debüt oder auch Siege sein. Und er vergisst das Unnötige rasch."

Die Wissbegierigkeit endet nicht auf dem Tennisplatz. Bresnik erzählt eine prinzipiell eher belanglose Geschichte von einem gemeinsamen Abendessen mit einer netten Japanerin. Es wurde über die vier Hauptinseln gesprochen. Bresnik sind die Namen von drei eingefallen. Die Japanerin hatte Heimvorteil, wusste alle vier. Dominic kannte keine. Ihm war das unangenehm. Bresnik: "Jetzt zählt er sie im Schlaf auf. Es war ihm eben wichtig."

Den Trainer beängstigen die Erfolge überhaupt nicht. "Weil sie für mich absehbar waren. Er hat eine außergewöhnliche Vor- und Rückhand." Wawrinkas Spezialität ist die einhändig geschlagene Rückhand entlang der Linie. Im Madrid war jene von Thiem spezieller. Bresnik: "Er ist für sein Alter ausgesprochen reif. Er kann die Punkte aufbauen, hat stets einen Plan B bereit, das macht ihn unberechenbar. Er ist als Person sehr ausgeglichen und total fokussiert."

Vor vier Jahren wurde Thiem von internationalen Toptrainern begutachtet, der Befund lautete: "Der ist nicht schnell, sondern sauschnell." Bresnik sagt, "dass die Trainingsleistungen mitunter noch besser sind. Trotzdem schlägt er Wawrinka. Das ist toll. Man muss ihn weiterhin belastungsverträglich machen, darf ihn nicht einbremsen."

Lopez nächster Gegner

Dominic Thiem hat sich natürlich gefreut. "Ich habe endlich gegen einen ganz Großen gewonnen." Moritz war laut Vater Wolfgang "richtig stolz auf seinen Bruder". Der kratzt an den Top 50. Im Achtelfinale von Madrid geht es am Donnerstag (ORF Sport + überträgt ab 20.00 Uhr live) gegen den Spanier Feliciano Lopez, der sich am Mittwoch gegen den Russen Michail Juschnij (15) 3:6,6:3,6:4 durchsetzte. Der Sieger kassiert 87.680 Euro. Thiem weiß, "dass ich gegen wahnsinnig viele Leute, die weit hinter mir liegen, verlieren kann." Lopez liegt vor ihm. (Christian Hackl - DER STANDARD, 8.5. 2014)

  • Thiem sagte: "Wawrinka hatte nicht den besten Tag."
    foto: apa/epa/martin

    Thiem sagte: "Wawrinka hatte nicht den besten Tag."

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