Herr Präsident Feldmarschall

Kommentar7. Mai 2014, 17:55
24 Postings

Abdel Fattah al-Sisi will gar kein Staatschef für alle Ägypter und Ägypterinnen sein

Die Uniform musste er ausziehen, den Rang eines Feldmarschalls darf er behalten: Das ist keine schlechte Beschreibung für den hybriden Zustand, in dem sich Abdel Fattah al-Sisi in seinem ersten großen Fernsehinterview den Ägyptern und Ägypterinnen präsentierte. Knapp drei Wochen trennen ihn vom Präsidentenamt, in das ihn, so sieht er es selbst, die Pflicht, sein Land zu retten, ruft. Aber obwohl er hysterische Zustände auszulösen fähig ist - eine Kolumnistin hat ihm einmal quasi pauschal alle Frauen Ägyptens angeboten -, wussten auch seine Anhänger bisher nicht viel über den Mann, den sie als Staatschef bekommen.

Nach dem Interview sieht man in einigen Bereichen klarer. Der frühere Armeechef und Verteidigungsminister, zuvor Leiter des Militärgeheimdienstes, hielt sich gar nicht mit den Avancen auf, die Kandidaten sonst ihren potenziellen Wählern zu machen pflegen. Sisi will gar nicht der Präsident aller Ägypter und Ägypterinnen sein. Oder, anders herum: "Alle" ist bei Sisi ein recht exklusiver Begriff. Alle Ägypter lehnen eine Versöhnung mit den Muslimbrüdern ab, sagte er. Die Menschen würden ihn auf der Basis wählen, dass er die Muslimbruderschaft vernichte.

Das hat vor ihm schon einer versucht, Gamal Abdul Nasser, von dem Sisi lächelnd sagte, er wäre gerne so wie er: kein Bild an der Wand, sondern in die Herzen der Ägypter geschnitzt. Sisis eigener Werdegang, über den er im Interview auch sprach, zeigt jedoch schon den Knick in der Heldengeschichte auf: Die Niederlage gegen Israel inklusive Verlust des Sinai von 1967 - also unter Nasser - habe ihn dazu gebracht, in die Armee einzutreten. Und zwar konkret die psychische Belastung, die diese Niederlage für die Ägypter bedeutete.

Bei Sisi geht es stark um die Wiederherstellung von Würde und Ansehen Ägyptens - und um die Abwehr einer Bedrohung von "außen", die Sisi ebenfalls ansprach. Woher genau diese heute kommen sollte, bleibt unklar: Die Muslimbruderschaft jedenfalls wurde 1928 im ägyptischen Ismailiya gegründet, von waschechten und antikolonialistischen Ägyptern.

Aber Ironie beiseite, was der Sisi'sche Nasser-Kitsch ebenfalls ausspart, ist Nassers Verhältnis zu Saudi-Arabien: Das wahhabitische Königreich und Ägypten standen in den 1960er-Jahren im Krieg in Nordjemen ja auf unterschiedlichen Seiten - es wurde Nassers "Vietnam". Saudi-Arabien hat damals aus Ägypten fliehende Muslimbrüder aufgenommen. Gemeinsam mit radikalisierten Wahhabiten ergaben sie die explosive Mischung, aus der später Al-Kaida wurde.

Mit dem 1970 auf Nasser folgenden Anwar al-Sadat hat Sisi die Frömmigkeit gemeinsam, von beiden unterscheidet ihn seine feste Allianz mit den Golfstaaten: Er braucht sie, so wie sie ihn - oder Ägypten - brauchen. Ägypten läuft unter Sisi wieder in den sicheren arabischen Hafen ein, in dem es unter Mubarak verankert war. Was Sisi zu Israel und den Palästinensern sagte, ist völlig auf dieser Linie. Aber auch wenn Freundschaft mangels eines Palästinenserstaates ausbleibt: Damit kann Israel leben. Die militärische Zusammenarbeit wird funktionieren.

Laut Sisi wird die Armee keine Rolle in der Regierung spielen, sie wird nur bei der "wirtschaftlichen Entwicklung" helfen. Das heißt, sie wird noch reicher und noch stärker. Spannend wird es, sollte Sisi eines Tages versuchen, sich von ihr zu emanzipieren. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 8.5.2014)

Share if you care.