Meister von Gag- und Gangsterposen

7. Mai 2014, 17:56
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Der Weg zum Filmregisseur führte für Stanley Kubrick über die Fotografie. Das Kunstforum Bank Austria zeigt die Kino-Ikone als Bildessayisten für das amerikanische "Look"-Magazin. Nach dieser Zeit fertigte der Filmemacher aber nie wieder autonome Fotografien

Wien - Dem Zufall überließ er nichts. In Fotografien von Stanley Kubrick (1928-1999) hat jeder seine Position, seine genaue Pose und auch das Licht fügt sich perfekt: Der Dixieland-Trompeter erscheint als schwarze schemenhafte Silhouette vor präzise ausgeleuchtetem Club-Hintergrund. "Studenten beim Tanzen" arrangiert er wie Schauspieler im Bühnenraum. Hochseilartisten erscheinen ähnlich akkurat komponiert wie die abstrahierenden Fotowelten László Moholy-Nagys oder Alexander Rodtschenkos.

Bereits als Fotograf stellt Kubrick das unter Beweis, was man später, in Bezug auf den Regisseur am Filmset weniger schmeichelhaft "Kontrollfreak" nennen wird. Und so bewunderte Kubrick zwar Fotoreporter wie Weegee, der in den 1930er-Jahren dank Polizeifunk schnell wie kein anderer, Fotos an Tat- und Unfallorten geschossen hatte; er war aber selbst ein Verfechter der Inszenierung. Den neuesten, sichersten Gefängniswagen der New Yorker Polizei lichtete er also nicht einfach nur ab, sondern ließ professionelle Mimen in Handschellen ausbruchsgefährliche Halunken darstellen.

300 Foto-Essays

Wegen dieses Bühnencharakters seiner Bilder spricht Lisa Kreil, Kuratorin der Ausstellung Eyes Wide Open. Stanley Kubrick als Fotograf, auch von Fotoessays statt von Reportagen, die der junge Kubrick für das Look-Magazin (einem 1971 eingestellten Life-Konkurrenten). Bereits 1945 verkaufte Kubrick, gerade 17-jährig, die erste von insgesamt 300 Serien an die Zeitschrift. Mit einem davon - es zeigt einen Zeitungskiosk am Tag nach dem Tod von US-Präsident Franklin D. Roosevelt - startet die Präsentation, die zwar auf einer Brüsseler Schau aufbaut, ihr aber eine andere Logik gibt.

Kubricks Fotos nach Genres zu sortieren, hält sie für sinnlos, erklärt Kreil. Sie hielt die Look-Essays (oft trugen sie peppige Titel wie Glamour Boy in Baggy Pants mit Montgomery Clift) zusammen. Sie trieb sogar Originalhefte auf, um die Fotos nicht nur in Form aufgeblasener, ikonisch wirksamer Abzüge genießen zu können, sondern als "Ensembles". So erschließen sich sogar subtile Witze im Layout, wie ein korrespondierender Handstand von Elefant - rechts - und Mensch - links.

Dramatische Inszenierungen wie jene der drei, an der Entwicklung der Atombombe beteiligten Wissenschafter der Columbia University lassen unweigerlich an seine Gangster-Inszenierung in The Killing (1956) denken. Kubrick beschwört durch kalkulierte Perspektiven bereits Folgebilder im Kopf des Betrachters: Den riesigen Buchstapel, den eine Frau über eine Treppe trägt, meint man bereits fallen zu sehen.

"Um einen Film zur Gänze allein zu machen, was ich anfänglich gemacht habe, muss man über nichts besonders viel wissen, außer über Fotografie." Und so beendete er 1950 - offensichtlich ausgelernt - seine Tätigkeit für Look, wo er so viele Mentoren hatte, dass diese sogar einen "Bringing Up Stanley Club" gründeten. Kubrick begibt sich also auf neues, filmisches Terrain, obwohl er sich zunächst Vertrautem zuwendet. Day of the Fight, sein dokumentarischer Erstling, widmet sich dem irischen Mittelgewichtsboxer Walter Cartier, dem er 1949 in Look als Preisboxer porträtiert hatte. Der Rest ist Filmgeschichte. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 8.5.2014)

Bis 13. 7.; Film "The Killing", Gartenbaukino, 11. 6., 21 Uhr

  • Film Noir? Regisseur Stanley Kubrick ist auch als Fotograf ein Meister der effektvollen Inszenierung: In industriellem Ambiente gibt er Physikern der Columbia-University ein Gangster-Image (1948). 
    foto: sk film archives

    Film Noir? Regisseur Stanley Kubrick ist auch als Fotograf ein Meister der effektvollen Inszenierung: In industriellem Ambiente gibt er Physikern der Columbia-University ein Gangster-Image (1948). 

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