Junge Rechte mit intellektuellem Anspruch

7. Mai 2014, 18:52
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Ausgehend von den Unis agitieren die Identitären gegen Zuwanderung und Multikulturalismus

Wien - Die Aufkleber zeigen das Riesenrad, Wickie oder ein Tigerbaby. Sie sind vor allem in Uni-Nähe zu finden und werben mit Schlagworten wie "Identität", "Heimat" oder "Tradition". Auf jedem Aufkleber prangt ein Kreis, darin der griechische Buchstabe Lambda: das Logo der Identitären.

Sie sind das junge Gesicht der europäischen Rechten. Von Frankreich ausgehend sind sie seit 2012 in vielen west- und einzelnen osteuropäischen Ländern vertreten. Die Wiener Identitären sind mit bis zu 70 Aktivisten noch klein, erregen aber mit Aufklebern, Videoblogs und Aktionen wie der "Gegenbesetzung" der von Refugees okkupierten Votivkirche Anfang 2013 Aufmerksamkeit.

Wo stehen die Identitären politisch? Offiziell bezeichnen sie sich als "weder rechts noch links". Eine "patriotische NGO" nennt sie Martin Sellner, Leiter der Wiener Identitären. "Dem, was heute oft als rechts gilt, fühlen wir uns nicht zugehörig", sagt der Jus- und Philosophiestudent.

Anders sieht das Natascha Strobl. Die Politologin hat mit Julian Bruns und Kathrin Glösel das erste Buch über die Identitären geschrieben. "Sie kommen nicht aus dem Nichts", sagt Strobl. "Viele waren vorher in alten Gruppen wie Burschenschaften."

In der vordergründigen Distanzierung von rechts sieht Strobl einen Kunstgriff, um Leute anzusprechen, die sich als unpolitisch verstehen: "Bei den Identitären kann man rechts sein, ohne sich so deklarieren zu müssen."

Bruch mit Chauvinismus

Ihre Positionen seien dagegen eindeutig: Die Identitären gingen von der Ungleichwertigkeit von Menschen aus. Die eigene Gruppe bilde die Elite, andere seien ihr unterlegen. "Das stimmt nicht", erwidert Martin Sellner. "Rassistische Witze gibt es bei uns nicht. Wir haben mit dem rechten Chauvinismus gebrochen."

Zentraler Unterschied zu alten rechten Ideologien ist der sogenannte Ethnopluralismus, den die Identitären vertreten. "Für uns sind alle Völker gleich viel wert", sagt Sellner. Problematisch sei nur deren heute zu starke Vermischung. "Die Politik löst unsere demografischen Probleme durch den Massenimport von Einwanderern", sagt er. "Die Bevölkerung wird ausgetauscht." Daher fordere man einen völligen Zuwanderungsstopp. Rassistisch sei das nicht: "Wir schlagen nicht auf Ausländer als Sündenböcke hin."

Dem widersprechen Strobl und Glösel: Rassistisch sei die Vorstellung einer homogenen Volksgemeinschaft, zu der Menschen mit "falscher" Hautfarbe, Religion oder sexueller Orientierung nie dazugehören könnten. "Man muss nicht ständig von Rasse reden, um rassistisch zu sein", sagt Glösel.

Die Identitären weisen diese Kritik zurück - und drehen den Spieß um: Es gebe heute einen "inländerfeindlichen Rassismus", sagt Sellner, etwa gegen "Wiener Schüler, die als Einzige mit deutscher Muttersprache in der Klasse täglich von türkischen Banden drangsaliert werden".

Der identitäre Rassismus zeige sich eben darin, Schulhofstreitereien mit der Herkunft der Beteiligten zu erklären, sagt Strobl. Obwohl als weiße, gebildete Männer stark privilegiert, stilisierten sich die Identitären zu unterdrückten Opfern. "Das ist eine klassische rechtsextreme Strategie."

Verteidigen wie Prinz Eugen

Bildsprache und Botschaften der Identitären sind martialisch. Sie beziehen sich etwa auf Prinz Eugen, Befehlshaber im Türkenkrieg, oder die Spartaner und ihren Kampf gegen die Perser. "Das waren alle Verteidigungskriege", sagt Sellner. Dass diese Gleichsetzung von historischen Invasoren mit heutigen Zuwanderern zu Gewalt aufruft, glaubt Sellner nicht: "Unser Grundsatz ist, dass wir gewaltfrei sind."

Auch Glösel unterstellt den Identitären keine körperliche Brutalität: "Das würde ihrem Selbstbild als bürgerliche Mitte widersprechen." Genau darin liege aber die Gefahr, so Strobl: "Eine Rechte, die sich vordergründig vom Rechtsextremismus abgrenzt, ist viel breitentauglicher." Ziel der Identitären sei es, rassistische Diskurse mehrheitsfähig zu machen.

"Wir haben einen intellektuellen Anspruch", meint Sellner, "daher erreichen wir vor allem Studenten. Aber unsere Zielgruppe ist das ganze Volk. (Valentin Schwarz, DER STANDARD, 8.5.2014)

Buchtipp: Julian Bruns, Kathrin Glösel, Natascha Strobl: "Die Identitären". € 16, 264 S., Unrast-Verlag, 2014.

  • Die Identitären geben sich poppig wie der Pink Panther, mit Nazis wollen sie nichts zu tun haben. Im Bild: ein Stück über rechte Gewalt im Staatstheater Karlsruhe. 
    foto: apa / uli deck

    Die Identitären geben sich poppig wie der Pink Panther, mit Nazis wollen sie nichts zu tun haben. Im Bild: ein Stück über rechte Gewalt im Staatstheater Karlsruhe. 

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