Vorsitzender des Weltklimarats: "Es gibt Zeichen der Veränderung"

Interview8. Mai 2014, 08:00
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Rajendra Pachauri, Vorsitzender des Weltklimarats, plädiert beim Eindämmen des Temperaturanstiegs für eine multiple Herangehensweise. Trotz Rückschlägen bleibt er optimistisch. Kurz vor seinem Wien-Auftritt bei den Erdgesprächen erreichte ihn Günther Strobl telefonisch in Neu-Delhi

STANDARD: Wissenschafter warnen schon seit langem vor den Auswirkungen des Klimawandels. Der Erfolg hält sich in Grenzen, oder?

Rajendra Pachauri: Tatsache ist aber, dass es rund um den Globus eine Vielzahl an Initiativen gibt, den Ausstoß an Treibhausgasen einzubremsen.

STANDARD: Mit welchen Konsequenzen müssen künftige Generationen rechnen, wenn bei der Weltklimakonferenz 2015 in Paris kein verbindliches Abkommen gelingt?

Pachauri: Es ist nicht so, dass damit alles steht und fällt. In Ländern wie Deutschland oder Österreich, aber auch in Kalifornien geschieht beim Klimaschutz Großartiges. Die Produktion erneuerbarer Energien wird immer effizienter und billiger. In den vergangenen zwei, drei Jahren ist ein substanzieller Anteil der Investitionen im Energiebereich in die Stromgewinnung aus Wind, Sonne und Biomasse geflossen. Der Anteil der Erneuerbaren am Gesamtenergieverbrauch ist zwar noch vergleichsweise klein, die Wachstumsraten aber sind enorm.

STANDARD: Die bisher stattgefunden habenden Klimakonferenzen waren aber doch allesamt enttäuschend?

Pachauri: Es ist typisch für so große Verhandlungsrunden, dass es lange dauert. Unterschiedlichste Interessen sind unter einen Hut zu bringen. Trotz des zähen Prozesses gab es durchaus Fortschritte. Ich erinnere an die Konferenz 2010 in Cancún. Dort wurde das Ziel definiert, die globale Mitteltemperatur nicht mehr als zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit steigen zu lassen. Das schaut man sich nun auf Basis des fünften Sachstandsberichts des Weltklimarats noch einmal genau an.

STANDARD: Wer, glauben Sie, hat ein Interesse daran, ein internationales Vorgehen gegen den Klimawandel zu blockieren?

Pachauri: Mich interessiert mehr, wer was gegen den Klimawandel unternimmt. Zu beurteilen, wer warum blockiert, dazu fehlt mir der Durchblick. Es gibt weltweit viele Initiativen unterschiedlichster Akteure, von Einzelunternehmen über die Zivilgesellschaft bis hin zu Forschungs- und Wissenschaftsinstituten. Das macht Hoffnung.

STANDARD: Dennoch: Sollte man nicht eine andere Strategie wählen?

Pachauri: Eine Strategie allein ist zu wenig. Was wir brauchen, ist eine multiple Herangehensweise. Neben der Minimierung des Risikos durch eine Absenkung des mittleren Temperaturanstiegs müssen wir rasch eine Strategie der Anpassung an den Klimawandel entwickeln.

STANDARD: Wie teuer ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad Celsius zu beschränken?

Pachauri: Bei einem Wirtschaftswachstum zwischen 1,6 und drei Prozent schlägt das nach unseren Berechnungen mit einem Minus von 0,06 Prozentpunkten pro Jahr zu Buche. Das ist ein vergleichsweise kleiner Aufwand, um den Temperaturanstieg zu bremsen. Außerdem hätte das noch eine Reihe zusätzlicher Vorteile: Höhere Sicherheit in der Energieversorgung, weniger Umweltverschmutzung auf lokaler Ebene, Schutz von Ökosystemen.

STANDARD: Wenn man nichts tut ...?

Pachauri: ... wachsen uns die Kosten über den Kopf, je später es wird, desto schneller. Das ist ein starkes Argument, mit gezielten Maßnahmen sofort zu beginnen und nicht auf später zu warten.

STANDARD: Kann in der Klimapolitik alles mit Geld gelöst werden?

Pachauri: Das glaube ich nicht. Wir brauchen auch Leadership, politischen Willen und die Einbindung einer breiten Öffentlichkeit. Deshalb ist Bewusstseinsbildung auch so wichtig.

STANDARD: Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers 2008 gab es überall enorme Anstrengungen, das Finanzsystem zu retten. Beim Klimaschutz vermisst man diesen Einsatz, obwohl es doch um unsere Lebensgrundlagen geht. Wieso?

Pachauri: Alles, was plötzlich und unvorhergesehen geschieht, erhält größere Aufmerksamkeit und Unterstützung als etwas, das langsam vor sich geht. Wenn beispielsweise ein Flugzeug abstürzt, sind die Zeitungen voll damit. Wenn Menschen durch schlechte Luft oder verschmutztes Wasser sterben, ist das höchstens eine Randnotiz.

STANDARD: Können wir unseren Lebensstil beibehalten?

Pachauri: Wir müssen verantwortungsvoller leben. Das muss nicht mit schmerzhaften Einschnitten einhergehen. In Europa beispielsweise wird wieder verstärkt Rad gefahren, auch das ist ein positiver Beitrag zum Klimaschutz.

STANDARD: Insgesamt marschiert die Welt aber weiter in die falsche Richtung. Wie geht es Ihnen damit?

Pachauri: Ich bin ein unverbesserlicher Optimist. Das hat nichts mit Wunschdenken zu tun. Es gibt Zeichen von Veränderung um uns herum. Auch in der Vergangenheit hat es die Menschheit in kritischen Situationen immer wieder geschafft, durch Gebrauch des Kopfes weiterzukommen.

STANDARD: Ihre Amtszeit an der IPCC-Spitze endet nächstes Jahr. Worauf sind Sie am meisten stolz?

Pachauri: Teil eines Unternehmens zu sein, das einzigartig ist. Es gibt nichts Vergleichbares, wo die weltbesten Wissenschafter zusammenarbeiten und Ergebnisse liefern, die von der Staatengemeinschaft anerkannt werden.

STANDARD: Und was ärgert Sie?

Pachauri: Dass ich nicht mehr tun konnte, als ich getan habe. (Günther Strobl, DER STANDARD, 8.5.2014)

Rajendra Pachauri (73) ist seit 2002 Vorsitzender des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Nach dem Studium in den USA kehrte der im Norden Indiens geborene Pachauri nach Indien zurück und übernahm 1981 den Vorsitz des renommierten Instituts für Energie und Ressourcen (Teri) in Neu-Delhi. 2007 erhielt Pachauri zusammen mit Al Gore den Friedensnobelpreis. Falsche Angaben zur Gletscherschmelze im Himalaya, die sich im IPCC-Report 2007 fanden, haben für viel Kritik am IPCC und Pachauri gesorgt.

  • Rajendra Pachauri, Chef des IPCC.
    foto: reuters/loos

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