Weltbild mit Sumpfmonster

7. Mai 2014, 17:55
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In Zufallskompositionen Szenarien der Gegenwart erkennen: Für seine neueste Werkserie wandelt der in New York lebende Künstler Nikolas Gambaroff das Prinzip der Décollage ab. "Tales from the Crypt" heißt seine Ausstellung in der Galerie Meyer Kainer

Wien - Bereits der Landschaftsmaler Alexander Cozens (1717-1786) nahm sich den Zufall als Assistenten: "Kleckszeichnung" heißt die auf ihn zurückgehende Technik, über wahllos verstreute Farbflecken zu neuen Kompositionen zu gelangen. Aber insbesondere im 20. Jahrhundert suchten Künstler nach Umwegen zur Bildfindung, sollten doch nicht mehr der geniale Schöpfungsakt, sondern andere Fragen - etwa zum Wesen der Malerei - im Vordergrund stehen. Auch Nikolas Gambaroff bedient sich in seiner Malerei numerischer Verfahren, lagert ästhetische Entscheidung aus.

In den in der Galerie Meyer Kainer präsentierten, allesamt 2014 entstandenen Arbeiten wandelt er ein solches Zufallsprinzip ab: jenes der Décollage. Die nach dem französischen Wort "afficher" für Ankleben auch Affichistes genannten Künstler Raymond Hains und Jacques de la Villeglé begannen 1949 mit Plakatwänden zu arbeiten. Durch Abreißen legten sie darunterliegende Schichten frei und fanden zu völlig neu gestalteten, dem urbanen Alltag abgeschauten Bildern.

In Tales from the Crypt - der Ausstellungstitel weist bereits darauf hin - arbeitet Gambaroff allerdings nicht mit Plakaten, sondern mit Comics der 1960er- und 1970er-Jahre, die er Seite für Seite aufklebt. Dann trägt er Malgrund auf - nicht über die komplette Fläche, sondern nur ellipsenartig: eine Form, die er von Weltkartendarstellungen in Atlanten abgeschaut hat. Nun legt er Seite für Seite eine weitere Comicschicht darüber und reißt daran: Freilich bleibt die zweite Ebene nur dort kleben, wo Malgrund aufgetragen wurde.

Keine rein formale Spielerei, denn schließlich hat Gambaroff nicht irgendwelche Comics ausgesucht, sondern mit Swamp Thing oder The Fantastic Four u. a. solche, in die zeitgenössische politische Situationen (Kalter Krieg, Atomversuche) hineinspielten und in denen allerlei apokalyptische Zukunftsszenarien entwickelt wurden. Die Frage ist: Wann wird Science-Fiction zur Gegenwart? (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 8.5.2014)

Bis 6. 6., Galerie Meyer Kainer

Eschenbachgasse 9, 1010 Wien

  • Bild von Nikolas Gambaroff, das zur Treppe wurde.
    foto: marcel koehler

    Bild von Nikolas Gambaroff, das zur Treppe wurde.

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