Umstrittene WM in Weißrussland

7. Mai 2014, 14:12
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Kritik von Amnesty International - Staatschef Lukaschenko hob Visumpflicht für Fans auf

Minsk - Eiszeit herrscht zwischen Weißrussland und dem Westen schon lange. Wegen ihrer Repressionen und politischen Gefangenen ist die Führung in Minsk von der EU und den USA mit Sanktionen belegt. Dennoch ist die Ex-Sowjetrepublik ab Freitag Gastgeber der Eishockey-Weltmeisterschaft (9. bis 25. Mai) - zum großen Entsetzen von Menschenrechtlern.

Immer wieder wurden Zweifel laut, ob ein autoritäres Land ein solches Sport-Großereignis ausrichten sollte. Staatschef Alexander Lukaschenko gilt als Europas letzter Diktator - in einem Land, das als letztes auf dem Kontinent die Todesstrafe vollstreckt: per Genickschuss.

Meinungs- und Versammlungsfreiheit gefordert

Amnesty International hat nun die Regierung in Minsk aufgefordert, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu achten. "Im Vorfeld der Eishockey-WM versuchen die Behörden durch Verhaftungen kritische Stimmen auszuschalten und Aktivisten einzuschüchtern", sagte Jovanka Worner von der Menschenrechts-Organisation. "Die weißrussische Regierung tritt die Meinungs- und Versammlungsfreiheit immer wieder mit Füßen. Es ist Zeit für Fair-Play bei den Menschenrechten."

Den WM-Touristen will sich "Belarus" nun von seiner besten Seite präsentieren. In Minsk ist die Bühne für die Eishockey-WM längst bereitet: Zwei moderne Hallen stehen in der Hauptstadt für das Turnier zur Verfügung. Die Minsk-Arena mit rund 15.000 Plätzen ist auch Heimstätte des Vereins Dynamo, der in der russischen Kontinentalen Hockey-Liga (KHL) spielt.

Eintrittskarte statt Visum

In einem überraschenden Schritt hat Lukaschenko für Fans und Teilnehmer die Visumspflicht ausgesetzt. Zuschauer bräuchten an der Grenze lediglich ihre Eintrittskarte vorzuzeigen, heißt es in Minsk. Dabei hatte Lukaschenko zuvor immer wieder gewarnt, westliche Ausländer trügen den "Geist des Umsturzes" ins Land. Der Staatschef habe sich letztlich aber dem Wunsch des Internationalen Eishockey-Verbands (IIHF) gebeugt, vermuten Beobachter vor dem Turnier.

Für die Staatsführung gilt der Wettbewerb auch als Propaganda-Coup. Beobachter vergleichen die WM etwa mit den Erfolgen von Darja Domratschewa. Die populäre Biathletin gewann bei den Olympischen Winterspielen im Februar in Sotschi drei Goldmedaillen für Weißrussland. "Sport ist eines der raren Felder, in denen das Regime sich beweisen kann: Wir gehen unseren Weg und sind erfolgreich", sagte die weißrussische Politologin Maryna Rakhlei damals der Nachrichtenagentur dpa.

Boykott-Aufruf

Die Opposition in Minsk ruft nun westliche Politiker auf, die WM zu boykottieren. Und sie bittet Teilnehmer und Fans, sich auch für die Lage im Land zu interessieren - nicht nur für Tore und Punkte. Der leidenschaftliche Eishockey-Fan Lukaschenko werde sich bei der WM sicher selbst inszenieren - so wie in der Vergangenheit bereits bei Prominentenspielen mit Kremlchef Wladimir Putin in Sotschi, meint der frühere Präsidentenkandidat Andrej Sannikow.

Er war wegen der Organisation gewaltsamer Massenproteste zu fünf Jahren Straflager verurteilt worden und erhielt nach seiner Freilassung 2012 politisches Asyl in Großbritannien. In einem Offenen Brief, den das oppositionelle weißrussische Internetportal charter97.org nun veröffentlichte, bringt Sannikow seine Enttäuschung über den Weltverband IIHF zum Ausdruck.

Bereits vor Beginn des Turniers hätten die Sicherheitskräfte mit Repressionen gegen Regierungsgegner begonnen, heißt es dort unter anderem. So sei der Oppositionelle Maxim Winjarski unter "fadenscheinigen Gründen" festgenommen worden. "Die Weltmeisterschaft in Minsk droht zum peinlichsten Wettbewerb in der Geschichte des Eishockeys zu werden", meint Sannikow. (APA, 7.5.2014)

Vorrunden-Gruppen:

Gruppe A (Tschischowka-Arena): Schweden (Weltmeister), Tschechien, Kanada, Slowakei, Norwegen, Dänemark, Frankreich, Italien

Gruppe B (Minsk-Arena): Finnland, Russland, USA, Schweiz (Vize-Weltmeister), Deutschland, Lettland, Weißrussland, Kasachstan

Modus:

Die WM wird 2014 zum dritten Mal mit zwei Achter-Gruppen gespielt. Die jeweils besten vier Mannschaften steigen ins Viertelfinale auf. Das Viertelfinale wird nicht wie 2013 innerhalb der Vorrunden-Gruppe gespielt, sondern in Kreuzspielen (1A - 4B, 2A - 3B, 1B - 4A, 2B - 3A).

Die beiden Mannschaften mit den wenigsten Punkten (können auch aus derselben Gruppe sein) steigen in die WM der Division 1A (B-WM) ab und werden durch die beiden Aufsteiger Österreich und Slowenien ersetzt. Die A-WM 2015 wird von 1. bis 17. Mai in Tschechien (Prag und Olmütz) gespielt.

  • Die Minsk-Arena.
    foto: epa/tatyana zenkovich

    Die Minsk-Arena.

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