Warum wir in diesem Tumor alle ein Gesicht zu sehen glauben

11. Mai 2014, 17:20
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Wissenschafterteam ging dem Phänomen der Pareidolie mit Gehirnscans auf den Grund

Toronto - Kartoffeln, die wie menschliche Köpfe auszusehen scheinen, oder vermeintliche Bildnisse von Jesus und der Jungfrau Maria auf einem Marmeladenbrot: Immer wieder tauchen skurrile Meldungen dieser Art in Rubriken wie "Vermischtes" auf. Ein besonders spektakulärer Fall machte 2011 die Runde, als das Ultraschallbild eines Tumors (siehe das Bild links) das Gesicht eines schreienden Mannes zu zeigen schien.

Hinter all diesen Erscheinungen steckt - wie auch im Fall des berühmten Marsgesichts - immer dasselbe Phänomen: Die Pareidolie bzw. ihre Unterform der Apophänie lässt uns in zufälligen Konfigurationen fälschlicherweise Muster "erkennen". Ganz besonders ausgeprägt scheint dieser Effekt zu sein, wenn es um die Wahrnehmung von Gesichtern geht.

Völlig normal

Kanadische und chinesische Forscher haben sich näher mit der Pareidolie beschäftigt. Als Phänomen seit Jahrhunderten bekannt, weiß man über die dahinterstehenden neuralen Mechanismen immer noch zu wenig. Mittels Gehirnscans kamen die Forscher um Studienleiter Kang Lee von der Universität Toronto zum Schluss, dass offenbar ein Zusammenspiel zwischen dem präfrontalen Cortex und dem hinteren visuellen Cortex das Phänomen bedingt. Optische Stimuli werden dabei durch vorher festgelegte Erwartungen bevorzugt in eine bestimmte Richtung interpretiert.

Auf jeden Fall stecke keine Gehirnanomalie oder eine sonstige Störung dahinter, so die Forscher. Im Gegenteil: Auch wenn man sich über Menschen lustig macht, die Elvis auf einem Toastbrot gesehen habe - deren Beobachtungen würden nur zeigen, dass ihr Gehirn völlig normal funktioniert. Die visuelle Wahrnehmung werde vom präfrontalen Cortex "top-down" gelenkt.

Unser Gehirn ist in einzigartiger Weise darauf eingestellt, Gesichter zu erkennen, sagt Lee - deshalb komme diese spezielle Form von Pareidolie so häufig vor. Andere Erwartungen könnten aber zu anderen Ergebnissen führen. In ihren Versuchen konnten die Forscher Probanden auch dazu bringen, Wörter oder Buchstaben wahrzunehmen. Sie zeigten ihnen Bilder mit zufälligen Konfigurationen, sagten ihnen aber, dass die Hälfte davon Buchstaben (bzw. in der anderen Testreihe Gesichter) zeigen würden. In beiden Testreihen nahmen die Probanden daraufhin immerhin in mehr als einem Drittel der Fälle das Erwartete wahr.

Die Erwartung bestimmt die Wahrnehmung: Nicht "Sehen heißt glauben" sollte es heißen, sondern "Glauben heißt sehen", so Lee. (red, derStandard.at, 11. 5. 2014)

  • Was aussieht wie ein Gesicht, ist in Wirklichkeit das Ultraschallbild eines Hodenkrebs-Tumors.
    foto: foto:queen's university, the canadian press/ap/dapd

    Was aussieht wie ein Gesicht, ist in Wirklichkeit das Ultraschallbild eines Hodenkrebs-Tumors.

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