Diabetes: Eine globale Plage

27. August 2003, 19:22
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Weltweit leiden 151 Millionen Menschen daran - 2025 werden es 333 Millionen sein

Paris/Wien - An Diabetes leiden weltweit 151 Millionen Menschen. Im Jahr 2025 werden es 333 Millionen sein. 80 Prozent der Betroffenen sind nicht genügend versorgt, warnten jetzt internationale Fachleute bei einem Presseseminar aus Anlass der Jahrestagung der Internationalen Diabetes Foundation (IDF) am Wochenende in Paris.

"Wir hatten im Jahr 2000 weltweit rund 151 Millionen Diabetiker. Im Jahr 2010 werden es 221 Millionen sein, im Jahr 2025 gar 333 Millionen. Die Wahrscheinlichkeit eines US-amerikanischen Kindes, zuckerkrank zu werden, beträgt bei den Buben bereits 33 und bei den Mädchen 39 Prozent", erklärte Univ.-Prof. Dr. Bernard Charbonnel (Universität Nantes), auch Präsident der französischen Diabetes-Gesellschaft.

Ausformungen der Krankheit

Die "Killer-Gefahr" liegt an zwei Punkten sprichwörtlich begraben: 90 Prozent der Zuckerkranken weltweit leiden an dem sich schleichend und im höheren Alter einstellenden Typ 2 Diabetes (ehemals "Altersdiabetes"). Zweitens sterben die meisten - insbesondere die Typ 2 Diabetiker - nicht an der Zuckerkrankheit selbst, sondern an den Langzeitschäden: Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen (Dialyse) - oder sie erblinden (Netzhautschäden) bzw. leiden qualvoll an Nervenschädigungen (Neuropathie).

Charbonnel: "Bereits 50,1 Prozent aller Dialysepatienten auf Grund von Nierenversagen in den USA sind Diabetiker. 20 Prozent der Herzinfarkt-Opfer sind zuckerkrank. Diabetes ist bereits die vierthäufigste Todesursache - auf Grund der Spätfolgen der Krankheit." 70 Prozent der Diabetiker sterben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Herzinfarkt etc.)

Entscheidende Blutzuckerwerte

Die Crux bereits an der gegenwärtigen Situation: Die meisten Diabetiker weltweit haben zu hohe Blutzuckerwerte auf. "Erlaubt" sind sieben Prozent HbA1C. Mit diesem Wert wird die Zuckerbeladung der roten Blutkörperchen angegeben. Der Test, der alle drei Monate erfolgen sollte, sagt aus, wie die Blutzuckerwerte in den vorangegangenen acht Wochen waren. Charbonnel: "80 Prozent der Zuckerkranken weisen nicht diese empfohlene Blutzuckereinstellung auf. Sie riskieren damit die Spätfolgen des Diabetes."

Zur Vermeidung der Diabetes-Spätkomplikationen ist es für die Betroffenen am wichtigsten, mit ihrem Blutzucker unter den Wert von sieben Prozent HbA1C zu kommen. Der Präsident der französischen Diabetes-Gesellschaft Univ.-Prof. Dr. Bernard Charbonnel: "Schafft man einer höheren Ausgangslage (schlechte Blutzuckereinstellung) einen 'Pegel' von einem Prozent weniger, sinkt schon das Gesamtrisiko für die Spätfolgen um 21 Prozent."

Geringes Pendeln wäre der Normalfall

Im Vergleich zu höheren HbA1C-Werten bedeutet eine Blutzuckereinstellung auf weniger als sieben Prozent HbA1C: Ein um 63 Prozent geringeres Risiko für die Entstehung von Netzhautschäden. Die Gefährdung durch die diabetische Nierenerkrankung reduziert sich um 54 Prozent. Die Gefahr einer Neuropathie (Nerven) sinkt um 60 Prozent und das Herz-Kreislauf-Risiko um 41 Prozent.

Die finnische Expertin Univ.-Prof. Hannele Yki-Järvinen von der Universitätsklinik in Helsinki: "Der Blutzuckerspiegel unterliegt bei Gesunden nur sehr geringen Schwankungen. Sie pendeln beim Blutzucker um einen Wert von 100 Milligramm pro Deziliter Blut oder haben HbA1C-Spiegel von vier bis sechs Prozent. Typ 2 Diabetiker hingegen haben schon Nüchtern-Blutzuckerspiegel von 300 Milligramm pro Deziliter und durchschnittliche HbA1C-Werte von 8,5. Das bedeutet, dass weltweit rund 100 Millionen Zuckerkranke schlecht eingestellt sind."

Ursachen

Gerade bei den "Altersdiabetikern" (Typ 2 Diabetes) liegt das oft am Lebensstil (Übergewicht, mangelnde Bewegung) und an einer veralteten Therapie. Die finnische Wissenschafterin: "Wir brauchen für diese Patienten die herkömmlichen oralen Antidiabetika zum Schlucken und Insulin. Zumeist wird aber zu lange mit dem Beginn einer Insulin-Therapie gewartet. Die Kombinationsbehandlung aber erlaubt eine möglichst gute Blutzuckereinstellung."

Behandlung

Mit einem gentechnisch hergestellten Insulin-Analogon (Insulin glargin) wurde vom Pharmakonzern Aventis nun ein 24 Stunden lang und extrem gleichmäßig wirkendes Insulin entwickelt, das sich besonders gut für die Basis-Insulintherapie eignet. Die konstante Wirkung verhindert auch die gefürchteten Episoden von Unterzuckerung (Hypoglykämie, "Hypo"). Die Patienten brauchen das in seinen Aminosäure-Bestandteilen künstlich veränderte Insulin nur ein Mal pro Tag zu injizieren. Die Blutzuckerspitzen nach dem Essen können durch Pillen unter Kontrolle gehalten werden.

Der britische Spezialist David Owens: "80 Prozent der Typ 2 Diabetiker sind ohne Insulin schlecht versorgt. Wir sollten ihnen Insulin früher geben. Typ 2 Diabetes ist eine fortschreitende Erkrankung. Wenn man mit den Pillen keine ausreichende Blutzuckerkontrolle erreicht, sollte Insulin in der Behandlung hinzu kommen." (APA)

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