Milliardenschwere Reise nach Rothneusiedl

18. Februar 2005, 14:27
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U-Bahn-Ausbau bis an die Peripherie: Damit wird der Grüngürtel den Interessen von Bezirkspolitikern und der Bauwirtschaft geopfert, warnt Reinhard Seiß im Kommentar der anderen

Angesichts der ehrgeizigen Wiener U-Bahn-Planungen für die nächsten Jahrzehnte könnte man glauben, die Stadt sei von einem wahren Boom ergriffen. Die Bevölkerungs-und Wirtschaftsdaten aber zeigen vielmehr eine mittelfristige Stagnation, die in der Verkehrs- und Stadtplanung eher Qualitätssteigerung als Expansion angebracht erscheinen lässt. Anstatt mit wenig Geld flächendeckende Verbesserungen im öffentlichen Verkehr zu schaffen, etwa durch die konsequente Bevorrangung von Straßenbahnen und Bussen an ampelgeregelten Kreuzungen, will die Stadt Wien neue Stadterweiterungsgebiete durch teure,aber politisch prestigeträchtige U-Bahnen erschließen.

Selbst für Planungsbeamte im Rathaus ist es nicht nachvollziehbar, dass eine Verlängerung der U6 nach Norden - über den Heurigenort Stammersdorf hinaus - bis in die Weingärten am Rendezvousberg erwogen wird. Stadtentwicklungs- und Verkehrsstadtrat Rudolf Schicker räumt zwar ein, dass es für einen ökonomischen Betrieb dieses Teilstücks rund 30.000 zusätzliche Bewohner im Einzugsgebiet bräuchte. Und die Wiener Linien argumentieren, dass eine Beschleunigung und Taktverdichtung der bestehenden Tramway in der Brünner Straße völlig ausreichen würde. Wenn der Bund aber wie bisher die Hälfte der Errichtungskosten übernehmen sollte, wird dieser U-Bahn-Bau zur Freude der Floridsdorfer Parteigenossen und einiger großer Baukonzerne wohl dennoch in Angriff genommen werden.

Bei der geplanten Südverlängerung der U1 wiederum steht der U-Bahn-Bau in klarem Widerspruch zu übergeordneten stadtplanerischen Grundsätzen, die der Gemeinderat in den vergangenen Jahren beschlossen hat. Bis an die Stadtgrenze südlich von Rothneusiedl soll die U1 führen - in ein Grüngebiet, das bis vor kurzem noch als ein Herzstück des Wiener Wald- und Wiesengürtels galt.

Eldorado am Rand

Mit dem Bau der S1 - jener umstrittenen Schnellstraße im Süden von Wien, die den Transitverkehr um die Stadt herumführen soll - erhalten die abgelegenen Felder jedoch bald eine hochrangige Erschließung. Auf niederösterreichischer Seite wird dem erwarteten Entwicklungsdruck entlang der S1 durch ein Bauverbot begegnet - Wien dagegen legt mit der U-Bahn noch ein Schäuferl nach und macht den Standort damit endgültig zum Eldorado.

Solche öffentlichen Vorleistungen im billigen Grünland rufen natürlich Grundstücks-und Immobilienspekulanten auf den Plan. Frank Stronach unterbreitete Bürgermeister Michael Häupl bereits ein Konzept für ein neues Fußballstadion (als ob das Prater-Stadion - demnächst durch die U2 erschlossen - ausgelastet wäre . . .) samt einem Einkaufszentrum am Knotenpunkt von U1 und S1. Stronachs Shopping- und Entertainmentcenter würde nicht nur die nahe gelegene SCS in den Schatten stellen, sondern wohl auch das Aus für zahlreiche Wiener Geschäftsstraßen bedeuten. Und wenn dann nach Rothneusiedl ähnlich viele Autos strömen wie nach Vösendorf, erstickt der ohnehin schon überlastete Südraum Wiens vollends im Verkehr - Transitumfahrung hin oder her.

Brach bleibt brach

Durch die Erschließung neuer peripherer Standorte untergräbt die Stadt Wien nicht zuletzt die wünschenswerte Folgenutzung ihrer innerstädtischen Brachflächen. So werden die großen zentrumsnahen Entwicklungsgebiete - ob Nordbahnhof, Nordwestbahnhof oder Aspanggründe - trotz fertiger Bebauungskonzepte und bestehender U- oder S-Bahn-Anschlüsse wahrscheinlich noch lange ihrer Urbanisierung harren. Die Fragmentierung der Stadt dürfte durch die Verkehrspolitik also nicht eingedämmt, sondern weiter vorangetrieben werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2003)

Dipl.-Ing. Reinhard Seiß ist Raumplaner, Filmemacher und Fachpublizist.
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