Blair drängte auf Überbetonung der irakischen Atom-Gefahr

26. August 2003, 14:55
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Mitarbeiter des Premiers setzte Geheimdienstausschuss unter Druck - Blair am Donnerstag vor dem Ausschuss

London - Der britische Premierminister Tony Blair soll sich Presseberichten zufolge für eine Überbetonung der angeblichen Gefahr durch irakische Nuklearwaffen vor dem Krieg gegen den Irak eingesetzt haben. Blair habe im vergangenen Jahr Besorgnis über die zurückhaltende Darstellung der Gefahr in Entwürfen für das vor knapp einem Jahr veröffentlichte Irak-Dossier geäußert, berichteten britische Zeitungen am Montag unter Berufung auf ein Schreiben von Blairs Medienbeauftragtem Alastair Campbell. Das Dokument war gemeinsam mit rund 9.000 weiteren am Wochenende vom Kelly-Untersuchungsausschuss im Internet veröffentlicht worden.

In der Woche vor Veröffentlichung des Dossiers am 24. September vergangenen Jahres drängte Campbell demnach mehrfach den Vorsitzenden des parlamentarischen Geheimdienstausschusses, John Scarlett, Angaben zu verschärfen: Der vermutliche Zeitraum, in dem die Regierung von Saddam Hussein nach der möglichen Aufhebung von Sanktionen Atomwaffen beschaffen könne, sollte den Medienberichten zufolge verkürzt werden. In der Endfassung des Dossiers war schließlich von einem Zeitraum von "ein bis zwei Jahren" die Rede. Aus der veröffentlichten E-Mail-Korrespondenz weiterer Blair-Mitarbeiter geht demnach hervor, dass die redaktionelle Arbeit an dem Dossier in erster Linie durch inhaltliche Vorgaben und nicht durch die vorhandene Quellenlage bestimmt war.

Das Gremium unter Vorsitz von Lordrichter Brian Hutton versucht zur Zeit im Kern zu klären, ob London die Gefahr irakischer Massenvernichtungswaffen aufgebauscht und damit den Irak-Krieg gerechfertigt hat. Ein strittiger BBC-Bericht von Anfang Juni legte der Regierung in London dies zur Last. Der Biowaffenexperte David Kelly gilt als Hauptinformant für den Bericht. Kelly war am 18. Juli an einem Waldrand nahe seines Heimatortes mit aufgeschnittenen Pulsadern gefunden worden, nachdem er offenbar Selbstmord beging. (APA)

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    Am Donnerstag soll Blair vor der Untersuchungs-
    kommission zur Kelly-Affäre erscheinen.

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