Die Versuchung des Märchenerzählers

9. September 2003, 23:13
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Das Stück "H.C. Andersen Project" von Choreograf Michael Laub bei Tanz im August

Eigentlich wollte Hans Christian Andersen als Balletttänzer und Schauspieler berühmt werden. Im Alter von vierzehn verließ er seine Heimatstadt Odense und reiste nach Kopenhagen, wo er sofort das Königliche Theater aufsuchte. Da es geschlossen war, verschaffte er sich Eintritt im Haus einer bekannten Ballerina und bestand darauf, dass ihn die dort versammelte Gesellschaft tanzen sehen sollte.

Das kleine Solo endete mit einem Hinauswurf, und Andersen wurde Schriftsteller. In seinem jüngsten Stück, dem "H.C. Andersen Project - Tales and Costumes", destilliert der aus Belgien stammende und zurzeit in Amsterdam beheimatete 50-jährige Choreograf Michael Laub Feinheiten und Widersprüchlichkeiten aus Leben und Werk des berühmten Märchenerzählers.

Laub ist zuletzt mit "Total Masala Slammer/Heartbreak No 5", einer Überkreuzung von Bollywood-Filmästhetik und indischem Kathak-Tanz mit Goethes Werther und westlichem Modern Dance erfolgreich gewesen. Zu Beginn des Andersen-Projekts erzählt die Tänzerin Hildigunn Eydfinnsdottir, nachdem sie ein rosa Kleidchen abgestreift hat, Rotz und Wasser heulend die rührende Geschichte vom "Kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzchen".

Glocken erklingen, an der Bühnenrückwand leuchtet ein Zitat von Andersen auf: "Mein Leben ist eine schöne Geschichte, glücklich und voller Zufälle." Laub interpretiert die Geschichten des Autors als fetischhafte Kostümpoesien, taucht sein Publikum in ein Wechselbad aus Information und Fiktion. In einer Collage aus Tanz, Text, Tönen und Theater spielt er mit Zitaten von und über Andersen.

Expressive Übertreibung, ironische Überhöhung und satirische Anspielungen lassen den hypochondrischen Schriftsteller einigermaßen zwielichtig erscheinen. Auffällig ist dabei, dass gerade einige von Laub verwendete Zitate in der aktuellen, von Gisela Perlet edierten Tagebücher-Neuausgabe des Insel Verlags ausgelassen sind.

Es handelt sich um Passagen, in welchen Andersen über Prostituierte reflektiert. In Michael Laubs Stück tritt die Figur der Kokotte in sündigem Schwarz und noch sündigerem Weiß auf. "O Gott", hatte Andersen geseufzt, "bewahre mich davor, den eigenen Versuchungen zu erliegen." Das von Stephanie Weyman dargestellte Freudenmädchen schießt mit einer Wortkanonade auf diesen Satz.

Konterkariert wird solcher Donner von der umwerfenden Darstellerin Astrid Endruweit, die als Gänseblümchen verkleidet mit verklärtem Blick flötet: "I am so happy just to be the daisy . . .". Laub gelingt eine virtuose Struktur aus komprimierten Märchenderivaten, biografischen Kürzeln und köstlichen Transfigurationen der Protagonisten in Andersens Universum. Er greift dabei auf Mittel zurück, die sich bereits bei "Total Masala Slammer/Heartbreak No 5" bewährt haben: eine klare Dramaturgie, die leichte Form der Show, ausgezeichnete Tänzer und Schauspieler und die subtile Musik von Larry Steinbachek.

Das "H.C. Andersen Project" ist wie ein choreografischer Scherenschnitt, exakt geplant und mit spontaner Präzision auf die Bühne gebracht. Es folgt damit im übertragenen Sinn der bekannten Leidenschaft des Schriftstellers für diese kleine Kunstform. Spätestens kommenden Sommer wird der überaus gelungene neue Wurf Laubs auch beim Salzburger Sommerszene-Festival zu sehen sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2003)

Von Helmut Ploebst aus Berlin
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