Der schlanke Klang musikalischer Baupläne

30. August 2003, 15:46
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Pierre Boulez mit den Wiener Philharmonikern in Salzburg

Salzburg - Die vom Vorstand der Wiener Philharmoniker Clemens Hellsberg erst kürzlich in einem Radiogespräch bekräftige - und wie er dort sagte: gewachsene - orchestrale Vorliebe zu dem französischen Dirigenten und Komponisten Pierre Boulez führt in speziellen Fällen des Repertoires zu außergewöhnlichen Resultaten.

So auch jüngst, als Boulez mit den Wiener Philharmonikern Anton Weberns "Passacaglia" op. 1, dessen kleinformatige, immer noch experimentell, ja provokant wirkende Orchesterstücke op. 6 und op. 10 und im Großen Festspielhaus nach der Pause Gustav Mahlers Vierte Sinfonie zum schlanken, zum erklärenden und durchleuchtenden Besten gab.

Es ist, als ob es Boulez wie kaum einem seiner Kollegen gegeben wäre, das Schwierigste und das Ungemütlichste in seinen musikkausalen Verknüpfungen, in seinen bauplanerischen Grundlagen und Strukturen auf kürzestem Weg in entfetteten, fast schon neutralen Klang umzusetzen. Und - Clemens Hellsberg behielt Recht! - die Philharmoniker sträuben sich keinesfalls, ihm in diesem Bestreben mit großer Aufmerksamkeit, ja geradezu Selbstverleugnung zu folgen.

Musik als Echo

Das heißt in diesem Fall: keine Geschichten zu erzählen, sondern bei Webern wie bei Mahler alles allzu Bildhafte, Hinzugedachte und hinter den Noten Vermutete zu unterdrücken. Die Musik erweist sich als Echo einer sich selbst genügenden Prozesshaftigkeit, von der die Autoren vielleicht weniger ahnten, als ein Vermittler wie Boulez heute - mit all den Erfahrungen aus den folgenden gut 100 Jahren Musikgeschichte! - zu wissen verurteilt ist.

So gestaltet sich die kühl und bündig eingeschwungene "Vierte" von Gustav Mahler zu einer stetigen Reise gleichsam ohne Seitenblicke, ohne die üblichen musikalischen Fußnoten und biografischen Querverweise. Wer immer in diesem Stück verhaltene, verborgene Dramatik wittert - von Pierre Boulez wird er in dieser Richtung nicht im Mindesten bedient.

Im Finale sang die Sopranistin Miah Persson von den "himmlischen Freuden" mit der gebotenen hellen Artigkeit, in der Höhe etwas "hinten", insgesamt aber dem sehr sachlichen Konzept des Dirigenten angepasst. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2003)

Von Peter Cossé

Die nächsten Philharmoniker-Konzerte in Salzburg:
29. und 30. 8, mit Dirigent Nikolaus Harnoncourt.

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