Ohne Reform droht Pflegenotstand

25. August 2003, 17:06
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Doppelt so viele bedürftige alte Menschen - Familien überfordert - Rauch-Kallat will mobile Dienste ausbauen

Alpbach - Die demografische Entwicklung Österreichs wird die Politik zu zahlreichen Systemveränderungen zwingen. Nicht nur zu mehreren Pensionsreformen. Unvermeidbar sei auch die Reform der Gesundheitsvorsorge und des Pflegesystems, erklärte VP-Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat Sonntag bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen über "Active Aging".

Es wurde ein düsteres Bild der Zukunft gezeichnet: der Wandel von einer heute mehrheitlich erwerbstätigen zu einer überalterten, schrumpfenden Gesellschaft - die finanziert werden muss. Bei den nächsten Nationalratswahlen wird letztmalig die Hälfte der Wähler unter 50 sein. Der Sozialwissenschafter Rainer Münz präsentierte die aktuellsten demografischen Daten: Liegt die heutige Lebenserwartung für Frauen bei 81,6, für Männer bei 75,6 Jahren, beträgt sie 2050 bereits 88 beziehungsweise 83 Jahre.

Dies allein wäre noch kein Grund zur Besorgnis, wenn die Altersverteilung eine ausgewogene wäre. Was sie aber nicht ist. Weil es immer weniger Kinder gebe, stünden immer weniger Erwerbstätige immer mehr zu finanzierenden Pensionisten gegenüber. Sind heute 1,6 Millionen Österreicher über 60, werden es 2050 drei Millionen sein - bei einer "tendenziell schrumpfenden Gesamtbevölkerung", wie Münz betonte: "Der fiskalische Spielraum für Regierungen wird immer enger."

Wurden die Menschen früher durch Infektionskrankheiten dahingerafft, sind es heute Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Künftig würden alte Menschen an chronisch-degenerativen Krankheiten laborieren: Alzheimer, Demenz, Parkinson - mit immensem Pflegebedarf.

Für Rauch-Kallat ist eine Reform des Pflegesystems daher dringend. 450.000 Menschen seien heute pflegebedürftig, mit einer Verdoppelung sei zu rechnen. Wobei die durchschnittliche Pflegedauer sieben Jahre beträgt.

Aufgrund der Bevölkerungsentwicklung schwindet jedoch die Chance, dass Pflegebedürftige von Angehörigen betreut werden. "Es sind mehr mobile Dienste notwendig", betonte die Ressortchefin. Auch soll das Ausbildungssystem umgestaltet, das Hospizwesen ausgebaut werden.

Weiters will Rauch-Kallat die Leistungen der Gesundheitsvorsorge ausbauen. Für Herbst kündigte sie Konzepte für Kinder und Jugendliche, Erwerbstätige unter und über 40 sowie für Senioren an.

Um "notwendige Kostensteigerungen" nicht ausufern zu lassen, will sie eine "Stabilisierung der Gesundheitsausgaben auf 5,5 Prozent des BIP bis zum Jahr 2010". (DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2003)

von Andreas Feiertag

Österreichs Gesellschaft wandelt sich von einer mehrheitlich erwerbstätigen zu einer überalterten und schrumpfenden. Neben dem Pensionssystem müssen daher das Pflegesystem und die Gesundheitsvorsorge reformiert und das Hospizwesen ausgebaut werden.
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    Nicht alle alten Menschen sind so rüstig wie dieser Herr ...

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