Milosevic bestreitet Verantwortung für politische Morde

27. August 2003, 09:09
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Prozess in Den Haag indessen wieder aufgenommen

Belgrad/Den Haag - Bei der Wiederaufnahme des Prozesses gegen den einstigen jugoslawischen Staatschef Slobodan Milosevic vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag sind diesen Montag auch Zeugen für die Beteiligung am Massaker von Srebrenica präsentiert worden. Die Anklage rief Drazen Erdemovic auf, der als Kronzeuge für das Massaker in Bosnien-Herzegowina vom Juli 1995 gilt.

Erdemovic, ein bosnischer Kroate, hatte im Jahr 1996 vor dem Tribunal seine Mitbeteiligung am Massaker von Srebrenica zugegeben. Als Angehöriger der bosnisch-serbischen Truppen war er an der Ermordung von mehreren hunderten bosnischen Jugendlichen und Männern beteiligt.

Letzte Phase des Prozesses

In der letzten Phase des Prozesses gegen Milosevic sollen Beweise für die Beteiligung Milosevics am Völkermord in Bosnien-Herzegowina vorgelegt werden. Danach soll Milosevic Zeit für seine Verteidigung gegen den Vorwurf der Kriegsverbrechen im Kosovo, in Bosnien und Kroatien eingeräumt werden.

Der Prozess gegen den ehemaligen Staatschef ist diesen Montag nach einer dreiwöchigen Sommerpause wiederaufgenommen worden. Milosevic muss sich seit dem 12. Februar 2002 vor dem UNO-Tribunal verantworten. Der Prozess gegen Milosevic, der in der vergangenen Woche 62 Jahre alt wurde, war bereits zehn Mal wegen Krankheit des Angeklagten unterbrochen worden.

Milosevic bestreitet Verantwortung für politische Morde

Der serbische und jugoslawische Ex-Staatschef Slobodan Milosevic sorgt wieder für Aufsehen. In einem offenen Schreiben für die serbische Tageszeitung "Vecernje novosti" (Sonntag-Ausgabe) dementierte Milosevic, für politische Morde während seiner Amtszeit verantwortlich gewesen zu sein. Die Gattin des ermordeten serbischen Ex-Präsidenten Ivan Stambolic, Katarina, bezeichnete die Behauptungen von Milosevic als "bloße Erfindungen". "All das bekräftigt die Annahme, dass er (Milosevic) der Auftraggeber der Ermordung von Ivan war", sagte sie gegenüber der Tageszeitung "Blic".

Anfang August versuchte ein serbischer Ermittlungsrichter Milosevic im Gefängnis des UNO-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag wegen des Falles Stambolic zu befragen. Aber zur Anhörung kam es nicht, da eine Forderung nach einer TV-Übertragung vom Ermittlungsrichter als gesetzwidrig abgelehnt wurde. Der Anwalt der Familie Stambolic, Nikola Barovic, sieht hier folgenden Grund: "Er müßte auf alle Fragen des Ermittlungsrichters antworten und könnte sich nicht wie in seinem Schreiben nur auf bereits tote Personen, wie den einstigen serbischen Innenminister Vlajko Stojiljkovic berufen".

"Monstrum"

Der einstige serbische Oppositionsführers Vuk Draskovic hat Milosevic gar als "Monstrum" bezeichnet. Der Ex-Präsident, der auch der Verwicklung in einen Attentatsversuch auf Draskovic im Juni 2000 verdächtigt wird, hatte in seinem Schreiben auch angeführt, dass Draskovic den Attentatsversuch nur "vorgetäuscht" habe.

Auch die Behauptungen von Milosevic, wonach er keine Kontakte zur Zemun-Mafia während seiner Regierungszeit unterhielt, dürften nicht ganz haltbar sein. Einer ihrer Führer der größten serbischen Mafia-Gruppe soll auch der Ex-Kommandant der berüchtigten Sonderpolizeieinheit "Rote Barette" und Hauptverdächtige des Mordes am serbischen Premier Zoran Djindjic, Milorad Lukovic genannt "Legija", gewesen sein.

Aufzeichnung

Im Prozess vor dem UNO-Tribunal war Anfang des Jahres die Aufzeichnung von einem Besuch Milosevics im Stützpunkt der "Roten Barette" in der Vojvodina-Stadt Kula im Jahr 1997 gezeigt worden. Dabei wurde er von "Legija" begrüßt. Auch soll er den späteren mutmaßlichen Djindjic-Mörder, Zvezdan Jovanovic "Zveki", kennen gelernt haben. Milosevic hingegen behauptete in seinem Schreiben, mit Lukovic das erste Mal erst bei seiner Festnahme im März 2001 gesprochen zu haben.

Politische Beobachter halten dies sehr wohl für möglich. Für Kontakte zu "Legija" war nämlich der Chef des serbischen Staatssicherheitsdienstes, Radomir Markovic, zuständig. Die Ermittlungen in den Fällen Stambolic und Draskovic sind weiter im Gange. (APA/dpa)

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