Pressestimmen zu abgesagtem Opernbesuch

24. August 2003, 16:38
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"La Repubblica": Geste eines Flegels - "Corriere della Sera": Angst vor ein paar Pfiffen

Rom - Vernichtende Kritiken erhält der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi am heutigen Samstag in der Tagespresse seines Landes, nachdem er am Freitag in letzter Minute einen gemeinsamen Opernbesuch mit dem deutschen Kanzler Gerhard Schröder und EU-Kommissionspräsident Romano Prodi in Verona abgesagt hatte. Die römische Tageszeitung "La Repubblica" spricht von der "Geste eines Flegels", die Mailänder Zeitung "Corriere della Sera" attestiert dem Ministerpräsidenten "Angst vor ein paar Pfiffen".

"La Repubblica":

"Silvio Berlusconi hat es wieder einmal geschafft. Und aufs Neue mit den Deutschen. Es würde uns ja gefallen, aus Liebe zum Vaterland, wenn er es sich um eine wichtige politische Konfrontation mit dem deutschen Kanzler gehandelt hätte, um eine Auseinandersetzung auf hohem Niveau mit den Regierenden aus Berlin. Aber stattdessen beschränkt sich Berlusconi darauf, Abendessen und Oper in Verona abzusagen, die Verabredung lediglich ein paar Stunden vorher platzen zu lassen, was gute Erziehung verbietet.

Vielleicht sagt Berlusconi ja in den nächsten Tagen, er habe diese Geste der Flegelei getan, um den Witzigen zu spielen, wie er es getan hat, nachdem er den Europaabgeordneten Martin Schulz einen "Kapo" genannt und damit die deutsch-italienischen Beziehungen auf den tiefsten Stand der Nachkriegszeit gebracht hat."

"Corriere della Sera":

"Dabei wäre es ein so elegantes Arrangement gewesen, um der gesamten Welt zu zeigen, dass der Zwischenfall abgeschlossen und der unglückliche Ausgang dieses 2. Juli mit dem "Kapo" Schulz als eine unbedeutende Erinnerung zu betrachten sei. (...)

Aber es scheint, als habe Berlusconi in Verona vor einigen wenigen Augenblicken des Zusammentreffens mit dem Publikum Furcht gehabt: Angst, dass ihn jemand hätte auspfeifen können, ihn beleidigen oder verhöhnen könnte. Berlusconi befürchtete, dass der "Feind" Romano Prodi aus dem "organisierten" Widerstand seinen Vorteil ziehen könnte. (...) Es wundert einen, dass ein großer Profi der Kommunikation wie Berlusconi, der als Unternehmer sogar sein Vermögen mit Kommunikation verdient hat, einen solchen Fehler begeht." (APA/dpa)

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