Kultur in den Randzonen

25. August 2003, 11:44
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Sommerfestivals und ungewöhnliche Begegnungen: Regionale Kulturvereine bringen die Kunst an die Grenzen

Am Hauptplatz von Bad Radkersburg spielt die Formation "Dobrek Bistro" Gipsy-Musik, man kann sie bis zu der slowenischen Nachbarschaft hören. Im niederösterreichischen Drosendorf wird das Wirtshaus zum Kinosaal: Neue tschechische Filme stehen am Programm. Das alljährliche Musikfestival in Bildein im Südburgenland findet wiederum direkt an der ungarischen Grenze statt. Im vergangenen Jahrzehnt sind die Grenzen für ungewohnte kulturelle Begegnungen durchlässig geworden: Von kleinen Vereinen, Künstlerkollektiven und einzelgängerischen Idealisten wird ein nunmehr offeneres Kulturklima vorangetrieben.

Berührungszonen

Bei den Klein- und Kleinstfestivals werden auch die Grenzen zwischen U und E, reiner Unterhaltung und ernsten Konzerten, nicht sonderlich beachtet, Berührungsängste zwischen arrivierten und regionalen Künstlern gibt es kaum: In Bad Radkersburg tritt etwa Burgschauspieler Johannes Krisch mit seiner Band auf. Tags drauf geben dann die Blasmusikkapellen von Bad Radkersburg und dem benachbarten Gornja Radgona die für diesen Anlass eigens komponierte "Fluss-Hymne" zum Besten.

"Für Bewohner, die jahrelang mit dem Rücken zum Eisernen Vorhang gelebt haben, ist das eine willkommene Möglichkeit, die Nachbarn über der Grenze einmal kennen zu lernen", sagt Sylvia Amann, Leiterin von "Inforelais", einer oberösterreichischen Initiative für regionale Kulturentwicklung.

Mitunter werden aus den Grenzbewohnern nicht nur Festivalbesucher, sondern auch Künstler: Für eine Fotoausstellung in der niederösterreichischen "Kulturbrücke Fratres" wurden die privaten Fotoalben geplündert und Bilder aus dem Alltag in Fratres und dem benachbarten Slavonice gezeigt. "Neben solchen Projekten, die für die Region von Bedeutung sind", so Amann, "geht der Trend in den vergangenen Jahren aber verstärkt in Richtung Professionalisierung und Vernetzung der Kulturschaffenden diesseits und jenseits der Grenzen." Ein Beispiel dafür ist die Plattform "Kultur Mitteleuropa", bei der Österreichs Außenministerium mit den angrenzenden EU-Beitrittsländern und Polen zusammenarbeitet. Seit 2001 wurden so über hundert Kulturprojekte unterstützt.

Finanzierungsfragen

In Summe lässt sich das überregionale Kulturschaffen dagegen nur schwer quantifizieren: Die oftmals nur saisonal stattfindenden Provinz-Aktivitäten werden zentral nicht erfasst, auch die knappen Fördermittel kommen aus unterschiedlichen Quellen - von den Ländern, Gemeinden oder privaten Sponsoren.

Eine der wichtigsten offiziellen Anlaufstellen ist "Kultur Kontakt". Die Kulturabteilung des Vereins mit Sitz in Wien unterstützt seit 1989 im Auftrag der Kunstsektion jährlich 300 Kunst- und Kulturprojekte mit rund 1,1 Millionen Euro. "Unser besonderes Augenmerk gilt den lange vernachlässigten Grenzregionen", so Annemarie Türk, Leiterin der Kulturabteilung bei "Kultur Kontakt", "es gibt immer noch weite Landstriche, wo kaum etwas passiert, weil die Vorbehalte zu groß sind."

Auf EU-Ebene kümmert sich "Interreg", die 1990 gegründete Initiative zur regionalen Entwicklung und Integration, am ehesten um kleinteilige und kurzfristige Kulturprojekte. Das größte Kulturprogramm der EU, "Kultur 2000", mit einem Gesamtbudget von 167 Millionen Euro für fünf Jahre, ist wegen seiner strengen formalen Kriterien für kleinere Initiativen kaum zu bewältigen. Leicht macht es das "Interreg"-Programm den Kulturprojekten aber auch nicht: In den Jahren von 1995 bis 1999 wurden vom gesamten Budget lediglich acht Prozent (etwa fünf Millionen Euro) für kulturelle Zwecke aufgewendet, der Großteil des Geldes kam dem wirtschaftlichen Aufbau der Regionen zugute.

Von insgesamt 193 geförderten Kulturprojekten wurden dabei mehr als 100 mit Tschechien, Slowenien, Ungarn und der Slowakei umgesetzt. Immerhin: Die Tendenz, da sind sich die beiden Kulturarbeiterinnen Amann und Türk einig, ist steigend. (DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.8.2003)

  • Crossover heute 
Die Filiale der Budapester "Galerie des Jahres" Körmendi belebt nicht nur die Kirchengasse in Sopron. Über die Wirkung von regionalen Kulturinitiativen. Know-how-Transfer in Sachen Suchgiftprävention.
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    Crossover heute
    Die Filiale der Budapester "Galerie des Jahres" Körmendi belebt nicht nur die Kirchengasse in Sopron. Über die Wirkung von regionalen Kulturinitiativen. Know-how-Transfer in Sachen Suchgiftprävention.

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