Die neue Zeit zieht nicht mit Helden

26. August 2003, 20:29
posten

Ungarns Galerie das Jahres hat eine Filiale in Sopron

Das Herzstück des Ödenburger Kulturviertels leitet eine junge Frau, die längst verlernt hat zu behaupten, sie sei Ungarin oder Österreicherin.


Sopron (Ödenburg) - Die Ödenburger Kirchgasse - a templom utca - führt vom Kasino quer durch die Altstadt zum Hauptplatz hinunter. Vor noch gar nicht langer Zeit blickten hier die leer stehenden Häuser mit ihren blinden Fenstern aufs träge Geschehen. Kaum jemand verirrte sich hierher, nichts lockte. Kein Geschäft, kein Wirtshaus, kein Zahnarzt, nicht einmal ein szépség szalón. Die Kirchgasse war, wenn man das so sagen will, das Schlafzentrum des ohnehin verschlafenen Sopron.

In den vergangenen Jahren hat sie sich allerdings herausgeputzt, sogar ein empfehlenswertes Wirtshaus gibt es jetzt, und wenn der Eindruck nicht täuscht, entsteht hier das Ödenburger Kulturviertel, durch das die Menschen schon begonnen haben zu flanieren. Vom fö tér hinauf zum neuen Kulturzentrum im Kasino, dessen Terrasse zu einem Treffpunkt für die Ödenburger geworden ist. Kein Haus ist mehr blind, viele öffnen das Tor, womit die Kirchgasse in die für Sopron so typischen Innenhöfe hineinwächst. Das Palais Esterházy beherbergt längst schon nicht mehr bloß das Bergbaumuseum, unlängst startete hier der Architekturraum Burgenland seine Wanderausstellung übers Pannonische am Bauen.

Herzstück der neuen Kirchgasse ist freilich das Palais der alten Bürgermeisterdynastie Artner. Das barocke Bürgerhaus beherbergt eine Kunstgalerie, die bis weit ins Niederösterreichische hinüber seinesgleichen sucht. Vier parallele, quartalsmäßig wechselnde Ausstellungen geben Einblick in die zeitgenössische ungarische Kunst. Und zwar thematisch ausgerichtet, sagt Zsófi Palágyi, die junge Leiterin der Galerie: "Im Keller werden immer Skulpturen gezeigt, im Hauptraum Malerei. Daneben haben wir aber stets auch Ausstellungen von Glasarbeiten und textiler Kunst."

Das Soproner Haus ist die Außenstelle der Budapester Galerie Körmendi, die von der Rechtsanwältin Anna Körmendi und ihrem Gatten, dem Architekten Máté Csák, betrieben wird. Basis des Galeristengeschäftes - Fachjournalisten kürten die Körmendi Galéria heuer zur "Galerie des Jahres" - ist die umfangreiche Sammlung des Ehepaars, die vor rund 20 Jahren, mitten in der Endzeit des real existierenden Sozialismus, begonnen wurde und einen Querschnitt durch die ungarische Kunst des späten 20. Jahrhunderts repräsentiert. Ein Teil dieser Sammlung ist auch im Palais Artner, in der Soproner Kirchgasse 18, zu sehen.

Die kulturelle Privatinitiative hat Tradition. "Das Soproner Kunstleben", sagt Zsófi Palágyi, "zehrt bis heute von den großen privaten Sammlern." Die Familie Storno, deren Palais den Hauptplatz beherrscht, sei da nur ein Beispiel, "in letzter Zeit haben sich neue Sammler gefunden". Auch solche aus dem Österreichischen, was wohl mit ein Grund dafür war, dass Zsófi Palágyi im Juni den Job in der Kirchgasse bekommen hat. Sie spricht nicht nur Deutsch, sondern auch Österreichisch. Sie ist eine der nicht wenigen Soproner, für die die gemeinsame Region mit Österreich längst schon eine Selbstverständlichkeit ist. Nach der Gymnasiummatura stand sie vor der Alternative "Studium in Budapest oder Schule in Wiener Neustadt". Sie entschied sich für Wiener Neustadt, wohin sie dann täglich pendelte.

Die neue Zeit, das jedenfalls sagt der junge Bildhauer Péter Párkányi Raab, zieht mit Leuten wie ihr. Und keinesfalls mit Helden und ihren stolzen, jedes Stadtbild prägenden Pferden. Kann ganz gut sein, dass Raabs Denkmal sich irgendwann in Budapest wiederfindet. Auf dem hösök tére, dem Heldenplatz. (DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.8.2003)

Von Wolfgang Weisgram

Link

Galerie Kormendi

  • Péter Párkányi Raabs monumentale Skulptur würde auch ganz gut auf den Wiener Heldenplatz passen, gleich neben den Prinzen Eugen. Zurzeit aber schmückt sein "Verlangsamtes Pferde- 
anschauen" den Innenhof der Soproner Galerie Körmendi.
    foto: körmendi

    Péter Párkányi Raabs monumentale Skulptur würde auch ganz gut auf den Wiener Heldenplatz passen, gleich neben den Prinzen Eugen. Zurzeit aber schmückt sein "Verlangsamtes Pferde- anschauen" den Innenhof der Soproner Galerie Körmendi.

Share if you care.