Waches Bewusstsein

29. August 2003, 10:56
posten

Der alternative Chronist der Zweiten Republik wird Sechzig. Peter Henisch zum Geburtstag

Sigrid Löffler hat einmal festgestellt, die Existenz einer spezifisch österreichischen Literatur sei eine Behauptung und noch dazu eine ausländische. Dem mag man leicht zustimmen, wenn man Ansätze von Claudio Magris oder Ulrich Greiner bedenkt, die versuchen, die österreichische Literatur von den übrigen deutschsprachigen Literaturen abzugrenzen. Die Diskussion um eine österreichische Literatur war immer verbunden mit der Frage nach der nationalen Identität Österreichs, was unweigerlich die Forderung implizierte, den Unterschied zum übermächtigen Nachbarn Deutschland (in der doppelten oder der wiedervereinigten Variante) herauszuarbeiten.

Einem solchen konstruktivistischen Ansatz der Kritik könnte man das Werk Peter Henischs gegenüberstellen, aus dem "das Österreichische" gleichsam induktiv abgeleitet werden kann. Henisch, einer der erfolgreichsten Autoren seines Landes, hat sich vier Jahrzehnte lang literarisch mit Österreich und insbesondere seiner hypertrophen Hauptstadt beschäftigt und zwar ohne über den speziellen österreichischen Charakter seines Werks nachzudenken.

Auf die nationale Differenz stößt er bestenfalls, wenn er mit den Lektoraten seiner Verlage, die seine österreichische Lexik beanstanden, "ziemliche Wickel" hat. Seine Geschichten erzählt Henisch ohne seine nationale Herkunft zu reflektieren und wird gerade dadurch zu einer der interessantesten und charakteristischsten Stimmen des zeitgenössischen Österreich.

Vor allem aufgrund der autobiografischen Qualität vieler Werke wurde er von Kritikern häufig als "realistischer" Autor bezeichnet. Dabei wurde allerdings verkannt, wie sehr es Henisch darum ging, die Möglichkeiten von Literatur auszuschöpfen, um allgemein akzeptierte Diskurs- und Denkmuster, wie sie sich in den Sonntagsreden der Politiker oder den kleinformatigen Medien zu allgemein akzeptierter "Wahrheit" und perverser "Normalität" verdichten, fiktional zu hinterfragen.

Der alternative Chronist der Zweiten Republik wurde er spätestens seit seinem großen Roman Schwarzer Peter (2000), von dem Wendelin Schmidt-Dengler im Falter schrieb: "Ich kenne keinen Text, der mir meine Kindheit in den frühen fünfziger Jahren so anschaulich machen konnte."

Es ist zwar "eher das ziegelrote als das kaisergelbe Wien", für das Henisch sich in seinen Texten interessiert, die "habsburgische" multiethnische Basis seiner Familie hat aber in seinem Werk deutliche Spuren hinterlassen. Die Großeltern mütterlicherseits kamen aus Böhmen bzw. der Slowakei und als Kind erlebte Henisch noch eine multilinguale Umgebung, die ihn für Fragen der Alterität früh sensibilisierte. Wirkungsmächtiger für das künftige Werk wurde die halbjüdische Herkunft seines Vaters, deren Verschweigen seine Karriere als gefeierter Kriegsberichterstatter bei der deutschen Wehrmacht ermöglichte. Der dokumentarische "Vaterroman" Die kleine Figur meines Vaters (1975), in dem der Erzähler über den Vater Zugang zu sich selbst sucht, machte Henisch nach experimentellen Anfängen seit den späten 60er-Jahren über Nacht zu einem gefeierten Autor.

Dieser autobiografische Strang setzt sich fort mit dem Roman Der Mai ist vorbei (1968), der sein kurzes, erfolgloses, aber literarisch höchst produktives Experiment als einer der ersten Kommunarden Wiens thematisiert - gleichsam als Fazit zehn Jahre später. Pepi Prohaska Prophet (1986) und Schwarzer Peter (2000) weiten diese autobiografischen Explorationen in die Geschichte Österreichs seit dem Zweiten Weltkrieg aus, wobei ein vielfältiges Splitting seiner Erfahrungen und deren Zuweisung an verschiedene Protagonisten ein fiktionales Spiel ermöglicht, das die als repressiv empfundene chronologische Kausalität infrage stellt.

Dieser Dialog mit einem sich kontinuierlich wandelnden Selbst wird von Henisch als "Identifikation" bezeichnet, eine Methode, die für seine intertextuellen Auseinandersetzungen mit Schriftstellern und Künstlern von E.T.A. Hoffmann (1983) bis Jim Morrison (1991/2001) charakteristisch ist. Von feinster Ironie ist die Konfrontation zweier so diametraler Literaturfiguren wie Karl May und Frank Kafka in Vom Wunsch, Indianer zu werden (1994). In diesen durchaus postmodernen Werken liest - und schreibt - Henisch Literatur und Künstlertum neu, eine Art fiktionaler Dekonstruktion mit dem Ziel des besseren Verständnisses schöpferischer Prozesse.

Zu Unrecht weniger bekannt ist Henischs Lyrik, mit der die Publikation seines literarischen Werks in Zeitschriften wie Neue Wege begonnen hat. Im Lauf der Jahre konsequent fortgesetzte Gedichtzyklen - nicht unbeeinflusst von US-amerikanischen Autoren wie William Carlos Williams, Charles Olson und Robert Creely - reflektieren philologische, philosophische und theologische Fragen. Der seit Henischs in den Siebzigerjahren begonnenen Arbeit mit der Gruppe Wiener Fleisch & Blut immer wieder aufgenommene Versuch, das musikalische Potenzial seiner Texte auszuloten, macht an den Grenzen zwischen Lyrik und Prosa nicht Halt. Exempel dieser in Teamwork mit den Jazzern Woody Schabata und Hans Zinkl entstandenen produktiven Grenzüberschreitungen sind die CDs zum Roman Morrisons Versteck sowie (anknüpfend an den Roman Schwarzer Peter) Black Peter's Songbook (beide 2001).

Henisch gehört nicht zu den Autoren, die sich ständig "zu Wort melden". Doch er hält es für wichtig, dass Schriftsteller "ihr waches Bewusstsein, ihr Reflexionsvermögen, das ja zum Schreiben gehört" in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen. Wenn es ihm angemessen erschien, hat er sich an prominenter Stelle ebenso kritisch wie persönlich geäußert. So über die skandalöse Berichterstattung der Kronen Zeitung in den ersten Tagen des "Falles" Omofuma oder über die rasche Rückkehr zur politischen Tagesordnung nach der Bildung jener österreichischen Regierung, die den rechtspopulistischen Parteien Eingang in die Parlamente Europas verschafft hat.

Letzteres im Übrigen ein bei aller Eindeutigkeit sehr eleganter Artikel, der angesichts des plötzlichen Meinungsumschwungs bezüglich der demokratischen Vertrauenswürdigkeit des Koalitionspartners die Lektüre von Ionescos Nashörnern empfiehlt. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.8.2003)

Von Walter Grünzweig

Zu Peter Henischs 60. Geburtstag gibt es eine Fülle von Publikationen und Aktivitäten. Bereits 2002 gab der US-amerikanische Germanist Craig Decker unter dem Titel "balancing acts" einen Band mit insgesamt zehn englischsprachigen Originalessays US-amerikanischer Germanisten und einem Interview heraus, die das amerikanische Interesse an Henisch, der mehrmals ins Englische übersetzt wurde, dokumentieren. Im Herbst 2003 erscheint ein Band in der Serie "Dossier" des Droschl Verlags; gleichzeitig wird ein von Franz Schuh bei Henischs Verlag Residenz herausgegebener "Peter-Henisch-Reader" das Interesse für das Gesamtwerk verstärken.

Das offizielle Fest für den am 27. August 1943 geborenen Autor findet am 15. September im RadioKulturhaus statt.

Share if you care.