Stummel der Geschichte

23. August 2003, 10:00
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Hilfe, wohin ist meine Generation verschwunden? Florian Illies ist in "Generation Golf zwei" ratlos

Der bloße Umstand, dass Florian Illies ein mittelmäßiges Bändchen vorlegt, ist noch kein Ereignis. Wenn schon der erste Teil so fade frisiert daherkam, dann ist auch egal, dass Illies jetzt eben den zweiten Teil vorlegt, und auch, dass ein lustiges Verkehrsschild auf dem Umschlag orange herglänzt, dass im Text flapsig formuliert, gekalauert und ab und zu der 11. September erwähnt wird. Das alles wäre wirklich Nebensache und den Platz weder im STANDARD noch in der Badetasche wert, wäre die "Generation Golf" nicht zum zweiten Mal Zünder einer derjenigen intellektuellen Gasexplosionen im deutschen Feuilleton, die man hier zu Lande ein wenig neidisch "Debatten" nennt.

In der Generationendebatte starrt sich Deutschland blöd dreinschauend auf den Nabel und wird aus sich selbst nicht schlau. Der bundesdeutsche Marsch in die Zukunft sondert sich in Geburtskohorten, und einige Streber und Klassensprecher verlangen für ihre Existenz dann auch einen Namen, und das rasch.

"Die Generation ist, neben Handy und Personalcomputer, die erfolgreichste Erfindung auf dem Sektor der kurzlebigen Konsumgüter in den letzten Jahrzehnten", hieß es kürzlich in der FAZ. Vielleicht geläutert durch diese Einsicht, vielleicht aber, um den ehemaligen Lieblingsmitarbeiter Illies nicht vor den Kopf zu stoßen, hat sich das Frankfurter Großformat vorläufig einer standesgemäßen Auseinandersetzung mit Generation Golf zwei entzogen und stattdessen die noch nicht einmal 17-jährige Theresia Enzensberger das Buch besprechen lassen.

Ein Musterstück redaktioneller Schläue: Während sich die deutschen Prestigeblätter die Haare raufen vor Entsetzen über Illies' auf 250 Seiten aufgeblasenen Leitartikel und diesem nicht einmal zeitungsreif verunglückten Werk durch ihren Verriss zumindest die Möglichkeit des Gelingens zusprachen, schiebt die FAZ kaltschnäuzig ein Mädchen vor. Die antwortet auf die Gretchenfrage, dass sich auch ihre Generation ("Smart") in dem Buch wiederfinden könne, dass sie Tränen gelacht habe und Herrn Illies für die Gehaltlosigkeit des Buches dankbar sei, denn nachdenklich wolle man ja nicht werden. "Eher hat man nach ein paar Tagen schon wieder vergessen, was man gelesen hat." Genau.

So jedenfalls wird es Illies kaum gelingen, dem sich nach dem Pisa-Debakel epidemieartig ausbreitenden und durchaus gemeinen Vorurteil zu begegnen, dass Deutschland drauf und dran ist, vollkommen zu vertrotteln. Aber darum ist es Florian Illies wahrscheinlich gar nicht gegangen.

Doch worum dann? Zur Rekapitulation: Der Kleinwagen in Generation Golf kommt daher, dass eine Volkswagen-Kampagne Abhilfe versprach, wo der Grüne Rezzo Schlauch nach einer Wahlschlappe nur lamentieren konnte. "Wir wissen wenig über die neuen Wertvorstellungen der unter Helmut Kohl aufgewachsenen Generation." Sind das alles Konservative? Oder noch schlimmer?

Die Chuzpe der Werbeintelligenz bestand nun darin, dass sie ihr Produkt nicht mehr an dieser schwer fassbaren Zielgruppe modellierte, sondern umgekehrt die Zielgruppe gleich nach ihrem Produkt benannte: Generation Golf eben. Das Sujet zeigte einen "gut aussehenden Dreißigjährigen mit seinem fünfundsiebzigjährigen Vater am Lagerfeuer. Beide freuen sich marlborohaft des Lebens. Da sagt der Jüngere, oder er denkt es sich: Ich wollte alles anders machen als mein alter Herr. Und nun fahren wir das gleiche Auto." So Illies in Generation Golf eins.

Die Frage, um die sich auch in Golf zwei erst einmal alles dreht, ist die alte Komplikation, ob der Feind unseres Feindes nun unser Freund ist oder nicht. Bei Intergenerationellem heißt das dann: Wenn wir uns gegen unsere Eltern auflehnen, die sich ihrerseits gegen ihre Eltern aufgelehnt haben, sind wir dann nicht gerade so wie unsere eigenen Großeltern? Und klingt das nicht fürchterlich? Wie konservativ müssen wir eigentlich noch werden? Wann werden die 68er endlich unseren Rückzug ins Konservative als Rebellion anerkennen?

All das ließe sich jedenfalls in einigen Absätzen soliden deutschen Feuilletons besser abarbeiten als auf zweihundertfünfzig Seiten angestrengt lockeren Tonfalls. Oder gleich in einer soziologischen Studie. Wie derjenigen von Markus Klein, der behauptet, die Generation Golf sei ein empirisch belegbares Faktum, eine mit genügend Trennschärfe aus allen Klassen, Schichten, Milieus herausschälbare Geburtskohorte mit spezifischem "anti-postmaterialistischem" Werteprofil.

Um dieses Werteprofil geht es bei Illies freilich in Teil zwei überhaupt nicht mehr. Vielmehr sind seine Generationsthesen hier vor allem Maskerade dafür, vergangene Marken und Figuren der Unterhaltungsindustrie aus dem kollektiven Gedächtnis heraufzubeschwören. Das verkauft sich heute besonders gut. Es erzeugt das undefinierbar wohlige Gefühl, schon da gewesen zu sein, wenigstens einen Stummel an Geschichte, und sei es nur Sozialgeschichte, hervorgebracht zu haben.

Wenn sich Illies also wieder eine Generation vorschnallt, dann diesmal nicht, um mit ihr bei den 68ern großmaulig angeben zu gehen ("Schaut her, meine Indifferenz ist enorm!"), sondern, wie der Spiegel feststellte, um die vor seinen Karren gespannte Generation, die durch Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise die Hybris ihrer infantilen Verve verloren hat, zu trösten. In diesem Bedürfnis nach Trost indes ist die Generation Golf schon verschwunden.

Natürlich freuen sich jetzt alle darüber. Was an Generation Golf eins so ärgerte, war ja, dass dieses Buch in seiner atemberaubenden Stupidität, Großmäuligkeit und Unbedarftheit doch immerhin der beschriebenen Generation bis ans Lacoste-Hemd nahe kam und insofern eine besonders einprägsame Form der Wahrheit für sich beanspruchen konnte - die der Abbildhaftigkeit.

Dass allein dieses Gleichmaß an Flachheit in Zeichen und Bezeichnetem verantwortlich war für die ärgerliche Stimmigkeit dieses Büchleins, macht der zweite Teil überdeutlich. Denn Illies' Stil der Gedankenflucht, in dem nichts länger als einen Halbsatz bei sich bleibt, in dem mit Facettenauge alles in grobe Lacher und Pointen zerlegt wird und in dem ganz unterhaltsam die nur Unterhaltenen abgebildet wurden, taugt nicht mehr für eine Generation, die sich eine zweite Dimension zumutet. Die Generation Golf gibt es nicht mehr. Das hat Illies übersehen. Vielleicht wollte er sich deren ungebetenes Verschwinden auch nicht leisten. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.8.2003)

Von Christoph Kletzer

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    Florian Illies:
    Generation Golf zwei
    € 17,40/200 Seiten. Blessing Verlag, München 2003.

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