Sprache behalten, picken geblieben

22. August 2003, 20:23
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Gut fünfhundert Chilenen schunkeln mit, als zwei Akkordeonspieler auf der Bühne das Kufsteiner Lied zum Besten geben: "Kennst du die Perle, die Perle Tirols. Das Städtchen Kufstein, das kennst du wohl . . ." Als dann noch "In die Berg bin i gern" intoniert wird, kann auch niemand den Text, aber die meisten bemühen sich mit Begeisterung, den Jodler hinzubekommen.

Das Konzert auf dem Hauptplatz von Puerto Varas im Süden Chiles ist einer der Höhepunkte der Feiern aus Anlass der Einwanderung von österreichischen und deutschen Familien vor 150 Jahren. Hier, tausend Kilometer von der chilenischen Hauptstadt Santiago entfernt, haben sich die Auswanderer aus Europa niedergelassen. Jedes zweite Geschäft in den Orten rund um den Llanquihue-See und in dem Städtchen Puerto Montt trägt einen deutschen Namen. In Frutillar kann man direkt am See im "Hotel Salzburg" übernachten, und im Café in Valdivia gibt es sogar eine Sachertorte mit Marillenmarmelade. Wäre nicht der Vulkan Osorno, könnte man sich im Voralpenland wähnen: Häuser im alpinen Stil, hügeliges Land, braun-weiß gefleckte Kühe auf gepflegten Wiesen, gerade gezogene Brombeerhecken und Schilder am Wegesrand, die zu "Kuchen" einladen, wofür es kein Wort im Spanischen gibt.

Elektrisierend wirkt der Name "Nueva Braunau" auf dem Ortsschild, acht Kilometer von Puerto Varas entfernt. "Wir haben öfter Schwierigkeiten mit diesem Namen", sagt Pedro Felmer entnervt. "Es standen sogar schon Neonazis vor der Tür." Dabei gibt es zum Geburtsort von Adolf Hitler keine Verbindung. Der Ort wurde 1875 von Sudetendeutschen gegründet, die aus dem heutigen Brumnow in Tschechien fortzogen, um in Chile ihr Glück zu suchen.

Unter den Einwanderern waren auch Vorfahren von Pedro Felmer, der das Lebenswerk seines Vaters fortführt: ein Museum, das an die Geschichte der deutschstämmigen Siedler in dieser Gegend erinnert. Die Scheune ist vollgestopft mit Kutschen, Kuckucksuhren und Buttermaschinen. "Früher haben viele ihre alten Sachen vorbeigebracht. Aber jetzt hat das für sie selbst einen Wert", sagt Felmer.

Vor dem Museumsbau, einer schindelgetäfelten Scheune, weht die österreichische Fahne neben der deutschen. Ob er sich als Österreicher oder als Deutscher fühle? Pedro Felmer zuckt mit den Schultern: "Das kann ich nicht sagen. Früher war das alles eins. Von den Österreichern wird unsere Arbeit zumindest geschätzt." Beim Eingang hängt eine Urkunde der Republik Österreich, mit der an die Überreichung eines Ehrenzeichens an Antonio Felmer, den Museumsgründer, erinnert wird.

Die Suche "nach einer ähnlichen Landschaft wie in Österreich" trieb auch den Großvater von Carlos Waeger 1922 nach Osorno. Als 16-Jähriger ist der Vorarlberger während des Ersten Weltkriegs nach Argentinien ausgewandert und dann über die Anden nach Chile gewechselt. In Osorno hat er eine Möbelfabrik aufgebaut, die 1950 in ein Hotel umgewandelt wurde, das Carlos Waeger leitet. Der Nachfahre in der dritten Generation bedauert, dass es gar keine Verbindung zu Österreich mehr gibt. Während einer Europareise hat er 1996 in Götzis vorbeigeschaut und am Friedhof und im Telefonbuch einige Waegers gefunden - sogar in gleicher Schreibweise. "Aber ich wusste nicht, wo ich mit der Suche nach Verwandten anfangen sollte."

Für Vorgänge in Österreich interessiert sich Waeger sehr, auch wenn er betont: "Wir sind Chilenen." Für seine sechs Kinder hat er aber auch die österreichische Staatsbürgerschaft beantragt und sie in die deutsche Schule geschickt, die er schon selbst besucht hat. "Mit meinem Großvater musste ich immer Deutsch sprechen. Und heute weiß ich, dass das Wichtigste ist, die deutsche Sprache nicht zu verlieren. Denn sonst verlieren wir unsere Wurzeln."

Mit Wiener Akzent grüßt Marcos Iampaglia. Sein Vater musste als Jude 1938 emigrieren und ließ sich in Valdivia nieder. In dieser Stadt lebte auch Ernst Rüdiger Fürst von Starhemberg im Exil, ein Verfechter des Austrofaschismus. Starhemberg hatte 1923 an Hitlers Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle teilgenommen, war dann Führer der Heimwehr sowie Vizekanzler von 1934-36 unter Kurt Schuschnigg, bevor er sich nach Südamerika absetzte.

Nach dem frühen Tod seines Vaters ging Iampaglia mit seiner Mutter, die inzwischen einen österreichischen Diplomaten geheiratet hatte, nach Wien, wo er einen Teil seiner Schulzeit und die Studienjahre an der Wirtschaftsuniversität verbrachte. Dann zog es ihn wieder nach Südamerika. In Valdivia leitet er einen Holzverarbeitungsbetrieb und betreut als Honorarkonsul die rund hundert Österreicher in der X. und XI. Region im Süden Chiles - einer Gegend, die doppelt so groß wie ganz Österreich ist. "Aber die Sympathisantengruppe ist viel größer, weil einfach viele Auswanderer aus der k.u.k. Zeit sich mit Österreich noch verbunden fühlen." Der studierte Wirtschaftswissenschafter sprudelt nur so vor Begeisterung über die österreichischen Investitionen in der Region - vor allem der Forstwirtschaft, die rund hundert Millionen Dollar ausmachten. Er spult die Namen all jener herunter, die "ich schon zu Österreichern gemacht habe".

Unter ihnen ist auch Andreas Auersperg. "In Österreich wären Sie Prinz", entfuhr es Iampaglia, als ihm Auersperg den Antrag auf Zuerkennung der Staatsbürgerschaft unterbreitete. Bei einem Umzug war dem Nachkommen des bekannten Adelsgeschlechts der Staatsbürgerschaftsnachweis abhanden gekommen. Auch auf der Visitenkarte, die der Mann im Jeanshemd in seinem Büro (das eher einem Schuppen gleicht) überreicht, steht schlicht "Andreas Auersperg Feltes". "In Deutschland ist der Name eher ein Vorteil, in Österreich nicht, wahrscheinlich aus Neidgründen. Und hier spielt er keine Rolle", meint Auersperg, der das Import/Export-Geschäft NovaTek betreibt.

Sein inzwischen verstorbener Vater ist 1959 nach Chile gekommen, der Sohn wurde drei Jahre später hier geboren. Zwei- bis dreimal im Jahr kommt Auersperg nach Österreich, besucht dort eine Tante und trifft sich mit anderen Verwandten. Die 14-jährige Tochter, die in Puerto Varas die deutsche Schule besucht, will er nach Österreich zum Studieren schicken. Er selbst trägt sich auch mit dem Gedanken, nach Österreich zu gehen. "Aber ich muss noch ein paar Jahre hier arbeiten." Das Leben in Chile biete auch Vorteile. "Man hat viel mehr Freiräume, man kann hier lockerer leben", sagt der begeisterte Motorradfahrer.

Auch Martina Köberl weiß Chile zu schätzen. "Hier hat man mehr Freiheit. Drüben braucht man für alles Genehmigungen." Drüben, das ist Österreich, das Martina und Heinz Köberl 1986 verlassen haben. Mit den Töchtern Luisa und Anna, damals dreieinhalb Jahre und ein Jahr alt, und mit dem dritten Kind schwanger, wanderte die Steirerin gemeinsam mit ihrem Mann, einem Burgenländer, aus. Zuerst nach Argentinien, dann nach Südchile, "weil die Landschaft an Österreich erinnert".

Das Ehepaar, beide Anfang vierzig mit inzwischen acht Kindern, betreibt eine Ökolandwirtschaft mit 150 Hektar und 40 Kühen auf einem einsam gelegenen Hof, der acht Kilometer vom nächstgrößeren Ort Nueva Braunau entfernt ist.

Vom Küchentisch aus hat man bei schönem Wetter einen wunderbaren Blick auf die schneebedeckte Kuppe des Vulkans Osorno und über üppige grüne Felder. Aber die Idylle einer unberührten Landschaft täusche, sagt Köberl: Vor dem Schlachten werde das Vieh noch mit Hormonen geimpft, Obst, Gemüse und Getreide werde gespritzt. "Hier ist auch noch niemand bereit, für ökologische Produkte mehr zu zahlen." Für die Köberls ist es "ein einziger Überlebenskampf".

Aber nach "drüben" wollen sie auch nicht mehr. "Wir sind hier picken geblieben." Nur die älteste Tochter Luise wagt den Sprung über den Atlantik. Ab Herbst will die 19-Jährige in Pinkafeld in der Fachhochschule Umwelttechnik studieren.

An den 150-Jahr-Feiern zur Einwanderung der Deutschstämmigen in Puerto Varas nimmt auch die zweitälteste Tochter Anna teil. Sie besucht die deutsche Schule und ist beim Festumzug dabei. Die Kinder der Familie Köberl sprechen fließend Spanisch und nur zögernd Deutsch, die hier geborenen haben auch die chilenische Staatsbürgerschaft und sind integriert.

"Aber wir werden wohl immer Fremde hier bleiben", meint Martina Köberl. "Ein Gefühl von Heimat, das stellt sich wohl erst nach mehreren Generationen ein." []

Mit einer Vielzahl von Feiern wurde im Süden Chiles des 150. Jahrestages der deutschen Einwanderung gedacht. Mehr als drei Monate war das Schiff "Susanna" unterwegs, das am 28. November 1852 im Süden Chiles landete. Drei Monate später wurde die heutige Stadt Puerto Montt gegründet. Alexandra Föderl-Schmid begab sich auf die Spurensuche der öster- reichischen Einwanderer und ihrer Nachfahren.
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