"Zeit nur für das Notwendigste"

26. August 2003, 13:30
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Freiwillige Helfer sollen in Tirols Alten- und Pflegeheimen die Defizite in der sozialen Betreuung der alten Menschen lindern

Innsbruck - Soziallandesrätin Christa Gangl (SP) bestreitet einen jüngst in lokalen Medien behaupteten Pflegenotstand. Dass es zumindest in Zukunft sowohl bei den Plätzen in Alten- und Pflegeheimen, als auch beim qualifizierten Personal knapp wird, belegen jedoch die von ihr vorgelegten Daten: Die Zahl der über 75-Jährigen in Tirol werde von derzeit 40.700 bis ins Jahr 2021 auf 64.700 anwachsen (plus 59 Prozent), bei den über 85-Jährigen sind die Relationen ähnlich.

Landeshauptmann Herwig van Staa (VP) hat im Zusammenhang mit der Debatte um die Schließung kleinerer Krankenhäuser kürzlich angeregt, Akutbetten in "krankenpflegliche Betten" umzurüsten, um in der Altenpflege eine permanente medizinische Betreuung sicherzustellen". Einig ist sich van Staa mit Gangl in der Empfehlung, dass Pflegeberufe aller Art zukunftssicher und entsprechende Ausbildungen daher sehr zu empfehlen seien.

Der Innsbrucker Zivilrechtler Michael Ganner hat im Sommersemester an der Universität Innsbruck eine Lehrveranstaltung "Altenrecht" abgehalten. Die dabei entstandenen anonymisierten Interviews mit Pflegerinnen und Pflegern spiegeln eine Situation wieder, in der Überforderung und Frustration offenbar weit verbreitet sind.

Idealismus und Realität

"Menschen brennen oft nach einer relativ kurzen Zeit der Pflegetätigkeit innerlich aus. Sie merken aufgrund ihrer Ausbildung, wie es sein sollte, und sehen dann, wie es wirklich ist", heißt es in einem Gesprächsprotokoll, "ob ein Mensch desorientiert ist und wie viel zusätzliche Arbeit sich daraus ergibt, interessiert niemanden in den Leitungsebenen."

Zumindest in einem Kritikpunkt will Gangl nun Abhilfe schaffen. In einem der von Ganner veröffentlichten Interviews heißt es: "Wir haben nur für das Notwendigste Zeit und haben überhaupt keine Zeit, uns den Bewohnern darüber hinaus zuzuwenden." Gangl forciert nun ein Projekt, bei dem Freiwillige in den Heimen für Tätigkeiten eingesetzt werden sollen, "für die es kein hoch qualifiziertes Pflegepersonal, sondern einfach Menschen, die über hohe soziale Kompetenz verfügen" benötige, um die "Zeit zwischen den Mahlzeiten" zu verkürzen. Konkret nennt Gangl Besuchsdienste, Biografiearbeit, Behörden- und Spaziergänge.

In Gangls Konzept ist vorgesehen, dass in jedem Heim eine professionelle Mitarbeiterin fünf Stunden wöchentlich zur Koordination und Begleitung der Freiwilligen freigestellt wird. Die Ausbildung dieser Schlüsselkräfte soll über das vor zwei Jahren von der lokalen Caritas eingerichteten "Freiwilligen Zentrum Tirol" erfolgen.

Gemeinsam mit entsprechenden Haftpflicht- und Unfallversicherungen sind die Kosten für ein Heim mit 60 Plätzen jährlich mit rund 10.000 Euro veranschlagt. Alle 74 Heime, die mit dem Land einen Rahmenvertrag abgeschlossen haben, können sich an dem Projekt beteiligen, wobei die Kosten in den Tagsatz eingerechnet werden sollen. Im Endausbau des Projekts sollen rund 1600 Freiwillige zum Einsatz kommen - aus Gangls Sicht ein realistisches Ziel. Derzeit wendet das Land Tirol für die 74 Alten- und Pflegeheime (4800 Bewohner, 1800 Angestellte) aus Mitteln der Sozialhilfe 29 Millionen Euro jährlich auf. (DER STANDARD, Printausgabe, 32./24.8.2003)

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