Arm aus "Abhängigkeit, in der Frauen leben"

22. August 2003, 19:49
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Pensionistinnen in Österreich sind besonders armutsgefährdet - 40 Prozent haben keinen eigenen Pensionsanspruch

Wien - An manche Dinge mag Helga Preglar sich nicht so gut erinnern. Zum Beispiel weiß die 53-Jährige nicht genau, wie lange sie mit ihrem geschiedenen Ehemann zusammen war. "Ich war zehn oder zwölf Jahre daheim bei den Kindern", meint sie - bis ihr Mann eine andere hatte. "Er wollte, dass ich geh'. Ich ließ ihm alles und zog aus", entsinnt sie sich.

Die drei Kinder kamen zu Pflegeeltern, sie selber in ein Obdachlosenheim. Die Küchengehilfin mit Volksschulausbildung arbeitete in der Folge geringfügig in Betriebskantinen und wurde wegen Diabetes und Herzproblemen mit 45 frühpensioniert.

Der Sozialstaat fing sie auf. Arbeitszeiten und Krankenstände zusammengerechnet machen für Preglar immerhin eine Pension von rund 500 Euro aus, zu denen die Pensionsversicherung noch eine Ausgleichszulage auf den Richtsatz von 643,72 Euro zahlt. Die Wohnung im Frauen-Seniorenwohnhaus des Hilfswerks in Wien-Meidling zahlt die Stadt. Die "Sozialfälle" unter den PensionistInnen - also all jene, die keinen Anspruch auf die Pension des Ehegatten haben, die weniger als 15 Jahre gearbeitet haben oder zu geringfügig angestellt waren - haben rein theoretisch 20 Euro pro Tag frei zur Verfügung - "fast paradiesische Zustände", könnte man denken. Nicht wirklich. Die Ausgleichszulage auf den Richtsatz beziehen laut Sozialbericht 230.000 der 1,6 Millionen Pensionierten - wobei die 643,72 Euro keine Mindestpension sind. Denn im Unterschied zu einer Mindestpension wird der Zuschuss mit allen Nebenverdiensten oder Unterhaltsansprüchen gegengerechnet - selbst wenn der Unterhalt nie auf dem Konto der Bezieherin landet.

72 Prozent der Zulagebezieherinnen sind Frauen. Die Altersarmut ist also meistens weiblich - wohl noch mehr, seit 2000 die 40-Prozent-Untergrenze für die Witwenpension gefallen ist. 400.000 der eine Million Frauen über 60 haben wegen der Kinderbetreuung und daraus resultierenden fehlenden Beitragsjahren keine eigene oder nur eine geringe Pension (siehe Grafik).

Geteilte Pension

"Der Staat geht vom Teilungsprinzip aus - sofern die Ehe aufrecht ist", sagt Karl Wörister, Sozialexperte und -statistiker der Arbeiterkammer Wien, und: "Die Gründe für Armut im Alter sehe ich besonders in der Abhängigkeit, in der viele Frauen leben." Denn "wenn die Ehe zum Problem wird, der Mann nicht mehr auszuhalten ist - sie schlägt oder sonst unterdrückt oder mehr raucht, als das Budget erlaubt - muss sie, um versorgt zu sein, es entweder aushalten oder bei Scheidung prozessieren, damit die Schuldfrage geklärt ist", sagt Wörister. - Kein Fall für Helga Preglar, die schon damit, dass ihr Pensionsantrag zunächst viermal abgewiesen wurde, genug Mühe hatte.

Die 58-jährige Elisabeth S. ist in einer nicht unähnlichen Lage. Nach einer missglückten Ehe in jungen Jahren wollte sie mit ihrem zweiten Lebenspartner "nur zusammen wohnen". Er arbeitete am Bau, sie war daheim und passte auf die Tochter auf. "Es war die schönste Zeit", sagt sie - bis ihr Lebensgefährte tödlich verunglückte. Sie hatte keine Ansprüche, denn "seine erwachsenen Kinder aus erster Ehe haben alles, was da war, genommen", und sie und ihre Tochter saßen auf der Straße.

Obdachlos

Sie heuerte als Klofrau an. Für ein Zimmer, 4000 Schilling netto und einen Nichtmeldeschein für Obdachlose wurde S. bei einer Reinigungsfirma beschäftigt - und arbeitete dort bis zu deren Konkurs, oft sieben Tage in der Woche: "Mit Trinkgeld bin ich schon auf 8000 Schilling gekommen - ich hab' mir auch die guten Plätze ausgesucht - die Hofburg, Schloss Schönbrunn . . ." Sonntagszuschläge gab es keine. Die Notstandshilfeempfängerin und "unsichtbare Obdachlose" lebt jetzt im Heim und erwartet sich "nicht viel" für die Pension.

Die Altersarmut könnte größer werden, sobald das neue Pensionssystem greift. Zumindest würde "die Zahl der Ausgleichszulagenbezieher steigen, sobald sich der Durchrechnungszeitraum erhöht", ist Grünen-Sozialsprecher Karl Öllinger sicher. Auch Leute, von denen man annehme, sie hätten aufgrund von ihrer Ausbildung bessere Chancen, könne es treffen. Man denke nur "an die kulturellen Sparten" - ein enger Markt, meint Öllinger. Die 30-jährige Architektin Marie T. etwa, die für 1500 Euro Brutto frei auf Projektbasis arbeitet, könnte ihr vergleichsweise geringes Gehalt teuer zu stehen kommen. (DER STANDARD, Printausgabe 23./24.08.2003)

Von Eva Stanzl
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    Frauenleben in Abhängigkeit kann zu tragischen Situationen führen, besonders dann, wenn Frauen keine eigene Pension erhalten.
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