Einmal zu Gast bei Molotows Onkel

22. August 2003, 19:13
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"Passagen"-Start in der Felsenreitschule

Peter Vujica

Salzburg - "Passagen" nennt sich eine Reihe von Salzburger Festspielkonzerten mit Werken, in denen Musik in andere ästhetische Bereiche ausufert. Um die Einnahmen nicht zu schmälern, hat man deren nicht ausverkauften Start in der Felsenreitschule ärarisch schmerzschonend ähnlich einer Seniorenjause an einem Nachmittagstermin festgesetzt.

Seniorenfreundlich gab sich auch das Programm, in dem ausschließlich einem der Großväter musikalisch-optischer (und auch olfaktorischer) Fantasien gehuldigt wurde, Alexander Skrjabin (1872-1915).

Für den geschichtsbewussten Musikfreund mag es von Interesse sein, dass der russische Meister nicht nur ästhetischer Großvater war, sondern auch leiblicher Onkel: Nämlich jener des einstigen sowjetischen Außenministers Molotow, der zu Österreichs Staatsvertrag, bevor er endlich ja sagte, so oft "Njet!" gesagt hatte. Molotow galt übrigens als hervorragender Violinspieler. In diversen Streichquartetten saß er stets am zweiten Pult. Was ihm bei Stalin der Spitznamen "Genosse zweite Geige"eintrug.

Es mag blasphemisch klingen, dass dieser Tatbestand auch nach dem Konzert das Erwähnenswerteste bleibt, was zu diesem seriös realisierten Unternehmen zu berichten ist. Das Dänische Nationalorchester unter Gerd Albrecht wartete mit einem erstaunlichen Reichtum an Farbschattierungen und mit einer dynamischen Flexibilität auf, die heute auch bei hochgerühmten Spitzenformationen nicht selbstverständlich ist.

Diese Qualitätsinvestition erwies sich als unterschiedlich lohnend. Am ehesten bei Prométhée - Le Poème du feu op. 60, in dem nicht zuletzt auch durch die Mitwirkung des Klavierstars Alexei Lubimov Skrjabins dem Rausch der Sinne und des Geistes verpflichtetes ästhetisches Ziel am ehesten realisiert schien. Auch noch in der uraufgeführten, von Erik Hojsgaard mit viel Instinkt hergestellten Orchesterbearbeitung von Vers la Flamme op. 72, während die von Alexander Nemtin besorgte langatmige Rekonstruktion des Orchesterwerks L'Acte préaleable eher ermüdend wirkte.

Alle Werke hätten durch optische Effekte erweitert werden sollen. Die Realisierung, einem über dem Podium hängenden monströsen Solarium nicht unähnlich, erwies sich als Fehlschlag. Die klobigen Farbelemente dissonierten geradezu mit der feinen Äderung von Skrjabins Musik. Zu diesem Unternehmen hätte der Meister (wie später sein Neffe) sicher "Njet!" gesagt.

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