Die Kunst der Selbstverleugnung

26. August 2003, 20:30
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Das Schicksal der Jugendstilvilla Skywa-Primavesi ist symptomatisch für die österreichische Kulturpolitik... - Ein Kommentar der anderen

...Sie lässt ein zentrales architektonisches Erbe verkommen.


Das Verhältnis von Kunst und Architektur war immer schon problematisch, gerade aber in jüngster Zeit ist der Kampf zwischen egozentrischer Avantgarde und banaler Investorenarchitektur neu entfacht. Dabei geht es nicht nur um Aufsehen erregende und umstrittene Bauvorhaben wie etwa "Ground Zero" in New York oder den Neubau des St. Petersburger Marinskij-Theaters, sondern auch um den Erhalt und um die Zukunft wichtiger Baudenkmäler. Jüngstes Beispiel einer nahezu genialen Selbstverleugnung und Verdrängung durch Beschwörungen ist das sich anbahnende Schicksal des Wohnhauses Skywa-Primavesi von Josef Hoffmann in Wien Hietzing.

Ist es gerade eine Erkenntnis der Gewaltforschung, dass nicht getan zu werden braucht, worüber gesprochen werden kann, welche das Verhältnis dieser Stadt und des Staates Österreich zu seiner Kultur prägt? Werden hier nicht entschieden zu hinterfragende Worthülsen wie das "Weltkulturerbe" so lange bemüht, bis darunter nur noch inhaltsleere Abbilder vorstellbar sind, die kaum über das ökonomische Kalkül hinaus von Bedeutung sind?

Manchmal hat es den Anschein, es werde davon ausgegangen, es genüge, Ansprüche "zu Tode zu reden", um sie damit einzulösen. Allein schon bezeichnend ist, dass das 1915 errichtete Gebäude nicht um seiner architektonischen und architekturgeschichtlichen Einzigartigkeit willen oder eben unserer Verantwortung gegenüber der Geschichte unseres Lebensraums wegen wieder aus dem öffentlichen Vergessenwollen aufgetaucht ist, sondern ob der Furcht des verängstigten, ins Spießertum gedrängten Bürgers vor zu großem Luxus in der nationalen Selbstdarstellung. Da gammelt dieses Juwel ungeachtet, ungenutzt, der Öffentlichkeit gänzlich entzogen vor sich hin, bis die Überlegung auftaucht, es als Amtsvilla des Bundespräsidenten auf die Bühne der internationalen Repräsentation dieses Staates und seiner Kultur zu heben.

Republiksemblem

Hier könnte die Chance zur Eröffnung einer längst überfälligen Diskussion erkannt und ergriffen werden: Sollen wir Hoffmann und den Jugendstil zu einem präsidialen Emblem erküren oder nicht doch richtiger das Haus Wittgenstein und die Moderne? Oder wäre es nicht sogar vorstellbar - wenn man schon auf eine architektonische Interpretation im Sinne des 21. Jahrhunderts verzichtet -, das eine zum Wohn- und das andere zum Amtssitz zu machen und uns so endlich nicht nur von republikanischen Verhältnissen zu Orten, sondern vielleicht vom habsburgischen Imperialismus zu emanzipieren? Wäre nicht gerade die öffentliche Nutzung die intelligenteste Form der Sicherung des entsprechenden Erhalts dieser Objekte, wenn wir es uns denn schon, wie behauptet wird, nicht leisten können (oder wollen), sie um ihrer selbst und ihrer Bedeutung willen zu erhalten?

Stattdessen aber geht es nun "plötzlich" darum, einem privaten Investor einen Deal schmackhaft zu machen, der ihm genügend Profit ermöglichen soll, um davon, sozusagen als Abschreibungsposten, noch ein bisschen "Sponsoring" für Denkmalpflege abzweigen zu können. Konkret geht es darum, dass ein Teil des selbst als Kulturerbe bedeutenden Parks des Wohnhauses Primavesi in Bauland umgewidmet werden soll, was es dessen gegenwärtigem Eigentümer ermöglichte, ein Spekulationsobjekt zu errichten, und dass ihn die Kulturverantwortlichen - ohne sich deswegen ein schlechtes Gewissen bereiten zu müssen - zu ein bisschen Denkmalschutz verpflichten können.

Von allem also ein bisschen, also ein bisschen österreichische Kulturpolitik? (Irgendwie erinnert das Ganze an die Frage, wie man dem jüngsten nationalen Über-Ich die Finanzierung seines privaten Narzissmus ermöglichen kann, ohne auf seine öffentlichen Auftritte verzichten zu müssen.) Selbst wenn einmal die im Grunde verwegene Behauptung hingenommen wird, unsere Öffentlichkeit sei nicht dazu in der Lage, das Wohnhaus Skywa-Primavesi und seinen Park selbst zu betreiben und zu erhalten - so wenig wie das Haus Wittgenstein, dessen Park und damit seine architektonische Intention als Ensemble ja bereits eben solcher Zerstörung überantwortet wurde -, so kann Bauspekulation nicht die Antwort auf die sich mit der Existenz solcher Objekte ergebenden kulturpolitischen, städtebaulichen und architektonischen Fragen sein.

Auch wenn sie nicht in öffentlichem Besitz sind und keiner öffentlichen Nutzung zugänglich, sind sie von öffentlicher Bedeutung; Ausdruck des Selbstverständnisses und des Selbstwertgefühls dieser Gesellschaft und der Geschichte, die sie sich gibt. Wie auch immer also die Frage der Finanzierung des Erhalts und der notwendigen Reparaturen, also der Wiederinstandsetzung des Wohnhauses Skywa-Primavesi und seines Parks, gewährleistet werden soll, sind gleichzeitig die unumgänglichen Rahmenbedingungen der Sache gemäß sicherzustellen - und es soll hier noch einmal betont werden, dass die Sache, in diesem Fall bestehend aus Wohnhaus, Nebengebäuden (die teilweise schon nicht mehr existieren) und Park, ein Ensemble bildet, das in Hoffmanns gebautem uvre seinesgleichen sucht. Sollte hier tatsächlich ein Teil des Parks aufgelöst werden, um ihn als Baugrund umwidmen zu können, so bleibt doch die kulturpolitische und städtebauliche Verantwortung für die Qualität des gesamten Ensembles: Falls und wenn hier etwas Neues gebaut werden kann, so muss dies in einem Dialog mit dem Bestehenden standhalten können. Nicht nur das Schicksal des Hauses Wittgenstein zeigt, wie berechtigt es ist, sich diesbezüglich zu sorgen.

Das MAK ist gegenwärtig mit einem ähnlichen Problem konfrontiert: Dem Schindler House in Los Angeles - Sitz des MAK Center for Art and Architecture - droht die Ghettoisierung durch Bauspekulation. Um dem entgegenzuwirken, lud das MAK internationale Architekten wie Peter Eisenman, Georg Driendl, the nextENTERprise, Zaha Hadid, Eric Owen Moss, Eichinger oder Knechtl und COOP HIMMELB(L)AU zu einem Ideenwettbewerb, dessen Ergebnisse überzeugend dokumentieren, dass zeitgenössisches Bauen auch als lebendiger Dialog mit historisch unvergleichlichen Ensembles betrieben werden kann.

Im Fall des Wohnhauses Skywa-Primavesi könnte sogar gewährleistet werden, dass das prämierte Ergebnis eines vergleichbaren geladenen Wettbewerbs auch tatsächlich realisiert wird. Und Ähnliches müsste auch für den Park und die Restaurierung des Hoffmann-Ensembles selbst unternommen werden. Das wäre das Mindeste.

Dass darüber hinaus - zum Beispiel im Rahmen des viel besprochenen Verfassungskonvents - auch eine Diskussion darüber wünschenswert, wenn nicht gar notwendig wäre, welches denn die Symbole dieser Republik sein könnten und wie mit ihnen zu verfahren ist, soll und darf dadurch allerdings nicht vergessen werden. Vielleicht könnte sie sogar Ergebnisse zeitigen, die zu einer tatsächlich befriedigenden Lösung des sich abzeichnenden Problems um den Hoffmann-Bau führen.

Herausforderung

Kultur ist, wenn Worte Anleitung zu richtigem Handeln sind - und dieses Handeln dann auch erfolgt. Es sind nicht wenige und nicht unbedeutende Zeugnisse unserer realen Existenz, oft die einzige Grundlage einer modernen Republik, die wir missachten. Unfähig ihrem Wesen und ihrer eigentlichen Qualität zu entsprechen, überantworten wir sie dem Vergessen. Herausragende Beispiele in Kunst und Architektur sind eben Maßstab und Herausforderung in einem. Das prägt das gegenwärtige Geschehen. Von der "Kunst der Selbstverleugnung", dieser doppelbödigen Dramaturgie des Sichentziehens, sollten wir uns daher, wenn uns unsere Existenz, der Ausdruck unserer Zeit tatsächlich etwas bedeuten, dringend verabschieden. (DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.8.2003)

Von Peter Noever

Der Autor ist Direktor des MAK - Österreichisches Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst.

  • Das von Josef Hoffmann 1915 für den Industriellen Robert Primavesi errichtete Wohnhaus: Jugendstil- 
juwel, von den Nazis den jüdischen Besitzern geraubt, nach dem Krieg ÖGB-Heim, 1999 als Präsidenten- 
sitz im Gespräch.
    foto: der standard

    Das von Josef Hoffmann 1915 für den Industriellen Robert Primavesi errichtete Wohnhaus: Jugendstil- juwel, von den Nazis den jüdischen Besitzern geraubt, nach dem Krieg ÖGB-Heim, 1999 als Präsidenten- sitz im Gespräch.

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