Höchst gesunde Aussichten

31. August 2003, 19:14
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Das Problemkind "Gesundheitsvorsorge" kann ein hoffnungsvolles Wunderkind werden - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Bei den Preisen kann es sich ja bald keiner mehr leisten, krank zu sein". Molières eingebildeter Kranker hat es bereits vor über 300 Jahren erkannt: Unaufhörlich steigen die Kosten des Gesundheitswesens. In Österreich liegen sie heute bei rund 19 Milliarden Euro oder neun Prozent des BIP. Geht die Entwicklung so weiter, steigen bis 2050 die Krankenkassenbeiträge auf das Doppelte. Die Zeitbombe tickt. Kein Wunder, dass die Kostendiskussion alles dominiert. Schade, denn Gesundheit ist der Wachstumsmarkt schlechthin:

  • Die Nachfrage steigt - vor allem durch die wachsende Konsumentengruppe der über 50-jährigen;

  • die Zahlungsbereitschaft für das höchste Gut Gesundheit und für "chirurgische Schönheit" nimmt zu: sieben Mrd. Euro werden allein in Österreich "privat" gezahlt;

  • Fortschritte in der Bio-, Nano- und Informationstechnologie sorgen für ungebrochene Innovationsintensität;

  • die Deregulierung schreitet voran und schafft Freiräume zur Angebotsdifferenzierung.

Das Problemkind "Gesundheitsvorsorge" kann also ein hoffnungsvolles Wunderkind werden, vorausgesetzt ein Paradigmenwechsel findet statt.

Erstens: Den Patienten als mündigen Kunden behandeln. Der "Aktient" der Zukunft wird nicht bereit sein, im Krankheitsfall die typische Odyssee durch den existierenden Gesundheitsdschungel zu machen, wenn es Alternativen gibt. Die Prozesse müssen daher auf seine Ausgabenbereitschaft und Wohlfühlbedingungen ausgerichtet sein - ausufernde Wartezeiten und kryptische Erläuterungen tragen sicherlich nicht dazu bei.

Zweitens: Mehr Transparenz über Qualität und Kosten, um den Wettbewerb zu entfesseln. Produktivitätssteigerung und Innovationskraft im Gesundheitssystem werden nur dann erreicht, wenn alle Beteiligten zwischen unterschiedlichen Angeboten und Anbietern wählen können. Bewusste Entscheidungen nach rationalen Kriterien oder zielgerichtete Produktentwicklung durch die Leistungsanbieter sind aber ohne Information nicht möglich - beispielsweise über die Kosten alternativer Behandlungswege oder die Verfügbarkeit und Qualität alternativer Anbieter.

Drittens: Kompetenzen über Grenzen hinweg bündeln. Eine Basisversorgung so nah und effizient wie bei Aldi und eine Zusatzversorgung so qualitativ wie bei Meinl ist vielleicht eine kühne Vision.

Sicher ist jedoch: Investitions-und Know-how-intensive Bereiche können nicht mehrfach vorgehalten werden. Ähnlich der Biotech-Cluster sollten sich hier Regionen im internationalen Wettbewerb mit Kompetenz und kritischer Größe profilieren. Gerade für Österreich steckt in der Globalisierung des Gesundheitsmarkts ein großes Potenzial.

Viertens: Umfassende Reformen statt Flickschusterei. Diese kombinieren Leistungsbereinigung, System-und Finanzierungsreform. Die Trennung von Sozial-und Krankheitsrisiko, die Umstellung vom Umlage-auf ein Ansparverfahren sowie die Aufhebung der Lohnbindung sind nur einige Ansatzpunkte zur Sicherung der Finanzierbarkeit. Eine Beschränkung des Staates auf das Gestalten der Rahmenbedingungen und die Überwachung des Erfolgs vereinfacht Strukturen und begrenzt Verwaltungsausgaben.

Unsere Gesellschaft kann es sich nicht erlauben, das Gesundheitssystem vom Fortschritt abzukoppeln, indem sie bei der Neuausrichtung halbherzig vorgeht. Denn: die Zeiten Molières, wo Väter ihre Töchter mit einem Arzt verheirateten, um andauernd und kostenlos medizinisch versorgt zu werden, sind sicherlich vorbei.

Nachlese

->Die hohe Kunst des Ausruhens
->"...hominis est errare...
->Europas Zukunft sieht alt aus
->Sind Optionen keine Option?
->Brand It Like Beckham
->Jazz statt Symphonie
->Erfolg=Wissen mal Fähigkeiten
->Wozu braucht man Berater?
->Veränderungs-Dilemma
->Ein Plädoyer für Strategie
->Wenn Manager autistisch werden
->Sag mir, wo die Frauen sind ...
->Ich google - Sie auch?
->Die Demokratisierung des Luxus
->Abschied von der AG?
->Die Geheimnisse des Phoenix
->Siegen à la Alinghi
->Anleitung zum Glücklichsein
->Die Suche nach dem Mehr
->Lust auf Leistung
->Eine doppelte Melange
->Sei willkommen Krise?
->"Denk' ich an Deutschland..."
->Gegen die Endzeit-Stimmung

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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