Kommentar: Salzburger Störgeräusche

30. August 2003, 15:46
1 Posting

Immer öfter schreit das Festspielpublikum ihren Verdruss auf die Bühne: Kunst ist aber nicht nur Aperitif - Von Ronald Pohl

Einem offenbar unausrottbaren Irrtum zufolge gehören Werke der Bühnenliteratur demjenigen als Besitz an, der sie vom Hörensagen zu kennen meint. Man denke hierbei ruhig an ein so schwieriges, obendrein auch noch Fragment gebliebenes Stück wie Georg Büchners Woyzeck. Festspiele wie jene in Salzburg pflegen solche "skandalösen", von Mord und Totschlag handelnden Stücke, weil ihre Macher berechtigterweise glauben, dass sie uns auch heute noch etwas zu sagen hätten. Es mag sich in dem einen oder anderen Fall sogar herausstellen, dass die Erkenntnisse, welche die Kunst für uns bereithält, unbequem sind: dass sie unsere lieb gewordene Wahrnehmung verzerren, den faulen Frieden anklagen, Haltlosigkeit und Ängste predigen, dem nackten Irrsinn frönen. Dies alles, und noch mehr, mag in alten, stockfleckigen Klassikerausgaben vergraben sein. Nur eine letzte, allgemein gültige Wahrheit enthüllen Stücke wie Woyzeck auch im gleißendsten Bühnenlicht nicht. So mag als frühes und befremdliches Fazit unter dem gemächlich auslaufenden Festspieljahr stehen, dass in den hitzedampfenden Kulturtempeln bei offenem Vorhang ein neuer, deutlich unverfrorener Ton erhoben wird.

Die Elegants eines kartenkaufkräftigen Segments der Festspielklientel schreien ihren Verdruss immer öfter und ungenierter auf die Bühne hinauf: als läge in der lautstarken Störung hingebungsvoll arbeitender Schauspieler auch schon ein Ansatz zu Mitbestimmung und kultureller Demokratie. Wahrscheinlich bricht hier eine Übereinkunft zusammen - vielleicht sogar zum Wohle jener Künste, denen man so oft lediglich mit Gleichgültigkeit begegnet. Kunst kann mehr, als den Appetit für einen Besuch des "Goldenen Hirschen" anregen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.8.2003)

Share if you care.