Arbeiten und Ausruhen in der alten Fabrik

7. Mai 2014, 19:01
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Studierende verlegen ihren Arbeitsplatz in die Kunstfabrik Groß-Siegharts - Das historische Ambiente soll mit einfließen

Groß-Siegharts - Die Holzböden knattern beim Betreten der alten Textilfabrik. Früher kam noch das Rattern der Webstühle hinzu, doch seit der Fabriksbetrieb eingestellt wurde, stehen sie zusammengeschoben am Rand der großen Halle im obersten Stockwerk und lassen nur noch vermuten, wie das Fabriksleben das Gebäude einst erfüllt haben muss.

Zwischen den Webstühlen herrscht aber auch heute wieder reges Treiben: Sorgfältig sammeln sieben Kunststudenten Gegenstände ein - Garnrollen, Schrauben, Besenstiele, und was sie sonst noch finden können. Die Truppe hat sich zu einem letzten Vorbereitungstreffen im nördlichen Waldviertel versammelt, bevor die Studierenden unterschiedlicher Disziplinen - dann zu elft - ab Sonntag fünf Tage lang in der Fabrik arbeiten. Der Titel des Projekts 8 hours work - 8 hours linger - 8 hours rest erinnert dabei an den von Robert Owens während der Industriellen Revolution geprägten Slogan "Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung" und verbindet die Geschichte der alten Bandfabrik mit dem Kunstprojekt.

Seit der Waldviertler Künstler Günther Gross die Fabrik 2009 gekauft hat, ist die Kunst in das 1873 erbaute Gebäude eingezogen - vor allem das Fördern von jungen Künstlern unter 30 ist Gross und seinem Team ein Anliegen. Vom einstigen Industriestandort, der der Gegend den Spitznamen "Bandlkramerlandl" einbrachte, ist heute nichts mehr zu spüren.

Gross brachte mit der Kunstfabrik wieder Leben in den Leerstand. "Rauchen besser am Fenster drüben", ruft er zwei Studierenden zu. Gross findet es "großartig, gleich so viele junge Künstler auf einmal in der Fabrik zu haben", auch wenn er noch nicht genau weiß, was ihn erwartet.

So geht es auch den Studierenden selbst - was während der fünf Tage passieren wird, wissen auch sie nicht. "Wir versuchen, offenzubleiben - auch für Kollaborationen untereinander", sagt die Grafik-Studentin Nora Eckhart, die den Kontakt zur Kunstfabrik geknüpft hat. "Die Ausstellung ist zwar erst am Ende der fünf Tage, aber es würde uns freuen, wenn unter der Woche Leute vorbeischauen", sagt Eckhart, während sie die letzten Pressefotos schießt.

Am Fenster gönnen sich zwei Studierende aus der Grafik-Klasse eine Pause, kühler Wind bläst durch die große Halle. "Es ist, wie sich auf eine Reise zu machen, ohne zu wissen, wo es hingeht", sagt Maximilian Appel-Palma zwischen zwei Zigarettenzügen. Normalerweise arbeite er hauptsächlich mit Stift und Papier - die Arbeit in der alten Fabrik sei auch deshalb etwas ganz Neues für ihn.

Junge Szene im Waldviertel

Dass die Geschichte der Fabrik ihre Arbeit beeinflussen wird, da sind sich alle einig. "Obwohl die Fabrik jetzt leersteht, spürt man die Energie noch, die in diesem strikten Arbeitsalltag hier geherrscht hat", sagt Julia Geissler. Ihre Studienkollegin Tina Greisberger stimmt zu: "Als ich das erste Mal hier war, hatte ich das Gefühl, die Leute wären gestern noch am Webstuhl gesessen."

Im Waldviertel sind die meisten aus der Gruppe zum ersten Mal. "Es ist eine Entschleunigung und ein Austreten aus Vorgaben und Grenzen - der Kunstmarkt ist hier ganz anders als in Wien", sagt Greisberger, an einen alten Webstuhl gelehnt. "Aber es tut sich viel, es gibt eine junge Szene", sagt Appel-Palma, schließt das Fenster, vor dem mittlerweile Regen eingesetzt hat - "richtiges Waldviertler Wetter heute" - und verschwindet wieder zwischen den Webstühlen. (Lara Hagen, DER STANDARD, 8.5.2014)

Die Ausstellung "8 hours work - 8 hours linger - 8 hours rest", ist von 17. 5. bis 15. 6. in der Kunstfabrik Groß-Siegharts, Karlsteiner Straße 4, 3812 Groß-Siegharts zu sehen.

Kunstfabrik: www.kunstfabrik-gross-siegharts.at

  • Vorerst wurde das Material nur gesichtet, ab Sonntag bereiten elf Studierende in der alten Bandfabrik ihre Ausstellung vor.
    foto: kreinecker

    Vorerst wurde das Material nur gesichtet, ab Sonntag bereiten elf Studierende in der alten Bandfabrik ihre Ausstellung vor.

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