Boko-Haram-Sekte terrorisiert Nigeria

7. Mai 2014, 18:15
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Bei einem erneuten Anschlag wurden bis zu 300 Menschen getötet, elf weitere Mädchen wurden entführt

Die Schreckensmeldungen aus Nigeria reißen nicht ab. Am Mittwoch berichteten lokale Medien, dass die radikalislamische Terrorgruppe Boko Haram in der Nacht auf Dienstag ein Dorf im Bundesstaat Borno angegriffen hat. Laut Augenzeugen sollen die Angreifer wahllos auf jeden geschossen haben, der ihnen begegnete.

Mindestens 200 Menschen sollen ums Leben gekommen sein, die Zeitung The Punch meldet 300 Tote. Die nigerianische Regierung wollte Meldungen über das Ausmaß des Massakers vorerst nicht bestätigen.

Erneut Mädchen verschleppt

Wie nigerianische Medien zudem übereinstimmend berichteten, wurden bei dem Überfall elf weitere Mädchen im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren in den Dörfern Warabe und Wala nahe der Stadt Chibok entführt.

Von Chibok waren vor drei Wochen auch die 276 Schülerinnen verschleppt worden. Boko Haram bekannte sich Anfang dieser Woche dazu und drohte, die Mädchen verkaufen und zwangsverheiraten zu wollen. Tags darauf, am Dienstag, waren ebenfalls acht Mädchen von Anhängern der Sekte gekidnappt worden.

Wie mächtig die Gruppe ist, hat sie im April mit zwei koordinierten Anschlägen in Nyanya, einem Vorort der Hauptstadt Abuja, demonstriert. Knapp 100 Menschen kamen dabei ums Leben. Der Kopf der Gruppe, Abubakar Shekau, verkündete darauf: "Wir sind in Abuja. Aber ihr wisst nicht, wo wir sind."

Nicht nur die Angst, auch die Wut in der Bevölkerung wächst mit jedem Anschlag. Jibrin Ibrahim, ein bulliger Mann in einem dunkelroten Hemd, arbeitet für die nigerianische Organisation "Zentrum für Demokratie und Entwicklung". Er ist Mitorganisator eines Protests am Dienstag für die Suche nach den entführten Mädchen. Anstatt über Boko Haram will er lieber über die nigerianische Regierung sprechen. "Es ist einfach nicht genug geschehen, um die Mädchen zurückzubringen", klagt er, "so viel mehr hätte geschehen können."

Nach Bekunden der US-Regierung soll es das jetzt auch: Am Dienstag kündigte Präsident Barack Obama an, dass bereits ein Expertenteam nach Nigeria geschickt worden sei. Auch Großbritannien hat Unterstützung angeboten. Eine gute Sache, sagt Ibrahim. "Terrorismus ist ein globales Phänomen. Allerdings liegt die Verantwortung ganz eindeutig bei unserer Regierung."

Zorn auf die Regierung

Der wird mit Unverständnis und Zorn begegnet. Beides ist in Abuja in diesen Tagen deutlich zu spüren. Die entführten Mädchen beschäftigen die Menschen, vom Taxifahrer über die Obstverkäuferin am Straßenrand bis in die Politik. Dennoch gelingt es nicht, mehr als 150 Menschen für die Demonstration zu mobilisieren. "Wir in Nigeria gehen nicht demonstrieren. Dafür gibt es keine Tradition", erklärt ein nigerianischer Journalist beiläufig.

Pogo Butu Maiwa, ein Bewohner von Chibok, schildert, wie die Terroristen Schüsse im Ort abfeuerten, bevor sie zur Schule weiterzogen. "Dort hat Boko Haram die Mädchen dann mitgenommen. Einige sogar auf Motorrädern. Diese Terroristen haben sie angelogen und gesagt: Wir bringen euch vor Boko Haram in Sicherheit." Er versucht, ruhig zu sprechen. Doch seine Stimme bebt. Er kennt das Schulgelände und das Umfeld nur zu gut - auch seine Frau war einst dort Schülerin.

Der Norden Nigerias, wo sich das Machtzentrum der Terrorgruppe befindet, ist schlecht bis gar nicht vor Angriffen geschützt. Im Bundesstaat Borno wie auch in Yobe und Adamawa wurde seit nunmehr einem Jahr der Ausnahmezustand verhängt. Damit sollte es der Armee ermöglicht werden, intensiv nach den Terroristen zu suchen und große Militäroperationen durchzuführen. Doch in Chibok, so sagt Pogo Butu Maiwa, sei davon nichts zu spüren.

Er dreht sich um und zeigt auf das Hauptquartier der nigerianischen Armee. Es ist das Ziel der heutigen Demonstration. "Wir wollen, dass das Militär endlich nach ihnen sucht und sie lebend zurückbringt", fordert Pogo Butu Maiwa. Bis es so weit ist, verspricht er, jeden Tag dafür demonstrieren zu gehen. (Katrin Gänsler aus Abuja, DER STANDARD, 8.5.2014)

  • Präsident Goodluck Jonathan steht in der Kritik, nicht genug gegen Boko Haram zu tun. Die USA haben nun ihre Hilfe angeboten.
    foto: apa/epa

    Präsident Goodluck Jonathan steht in der Kritik, nicht genug gegen Boko Haram zu tun. Die USA haben nun ihre Hilfe angeboten.

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    foto: apa
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